| Marxismus und Religion
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| Der Krieg gegen Terror hat den Islam weltweit zum Feindbild Nummer eins erhoben. In der Vergangenheit mussten andere Religionen als Sündenbock herhalten. Tom D. Allahyari erklärt warum es heute so wichtig ist, über das Verhältnis der Linken und der Religionen Klarheit zu haben.
Wir erleben derzeit eine rassistische Welle, die sich gegen Muslimas weltweit wendet und die von Bush über Strache bis zu den hetzerischen Karikaturen über Mohammed veröffentlicht haben, reicht. In Linz versuchte der Ring Freiheitlicher Studenten (RFS) mit einem Plakat, das den stilisierten Kopf einer Frau mit Hijab (Kopftuch) durchgestrichen darstellt und mit der Zeile „Keine Kopftücher in Linzer Schulen“ direkt vor und in einer Schule gegen muslimischen MitschülerInnen aufzuhetzen. In ganz anderem Maßstab wird Rassismus von den Kriegstreibern in Washington und London eingesetzt. Ohne die ideologische und propagandistische Begleitmusik vom kriegerischen Islam und den barbarischen Moslems sind Brandbomben auf ZivilistInnen nicht so leicht zu erklären. Rassismus ist eine Begleiterscheinung von Kolonialismus und Imperialismus. Auch wenn heute von Kulturen gesprochen wird, die „nicht zusammenpassen“ statt von biologischen Rassen, bleibt das Prinzip das gleiche: Eine Gruppe von Menschen wird der anderen als Überlegen dargestellt und unterdrückt diese. Heute werden „die Moslems“ immer mehr zu einem globalen Sündenbock. Selbst Linke tun sich z.T. schwer, Moslems zu verteidigen, weil sie meinen, die westliche Aufklärung heute gegen den Islam verteidigen zu müssen. Nicht selten berufen sie sich dabei auf den berühmten Satz von Karl Marx von der Religion als dem „Opium des Volks“. Folgen einer falsch verstandenen Religionskritik Um nur ein Beispiel zu geben: Warum hat die Linke in Frankreich so versagt und war unfähig, richtig, nämlich solidarisch auf die Rebellion der Jugendlichen in den Vorstädten zu reagieren? Eine Linke, die kurz zuvor noch das französische „Non“ zur EU-Verfassung erkämpft hatte, hätte eigentlich die gemeinsamen Interessen mit den Jugendlichen erkennen müssen. Der Großteil dieser Jugendlichen hatte einen nordafrikanischen, islamischen Hintergrund. Leider ist der Großteil der französischen Linken in Bezug auf Rassismus gegen den Islam unklar. Das Kopftuchverbotsgesetz war in Frankreich von Rechten und Teilen der Linken unterstützt. Für eine aktive, antirassistische Linke ist aber Klarheit im Bezug auf Religion und besonders Islamfeindlichkeit nötig. Wenn dieses Hindernis nicht überwunden werden kann, bedeutet das eine gefährliche Spaltung der antikapitalistischen und antirassistischen Bewegung. Karl Marx und die Religion - Idealismus und Materialismus Karl Marx ging in seinen Werken immer vom wirklichen, existierenden Menschen, von der natürlichen Welt aus. Erklärungen, die irgendwelche übernatürlichen (metaphysischen) Kräfte miteinbeziehen, lehnte Marx als Materialist ab. Es ist einer der großen Verdienste von Marx, dass er diesen Materialismus auf die Geschichte und die Gesellschaft angewandt hat. Eine idealistische Denkweise dagegen geht davon aus, dass der „Geist“ oder das „Bewusstsein“ eigenständig existieren. Marx und Engels waren überzeugt, dass der Mensch die Religion macht, nicht die Religion den Menschen. Wie diese Religion, die „sich der Mensch macht“ aussieht, hängt von der Gesellschaftsform ab, in der sie entsteht und von den Interessen, die sie vertritt. Marx und die liberale Religionskritik Natürlich hat Marx die Religion kritisiert, gleichzeitig führte er aber einen Kampf gegen jene Liberalen, welche die Religionskritik über alle anderen politischen Anliegen erhoben. Mit gutem Grund griffen die Liberalen, mit denen Marx zu tun hatte (die „Junghegelianer“) das Christentum an. Die Kirche unterstützte damals die absolute Monarchie in Preußen (wo Marx zu dieser Zeit lebte). Einer der prominentesten Vertreter der Liberalen damals war Bruno Bauer. Er stellte sich gegen die auch von Marx unterstützte Forderung nach Gesetzen, die jüdischen Menschen Gleichberechtigung bringen sollten. Bauer argumentierte, dass Religion prinzipiell der Hauptfeind sei und die Unterstützung der Emanzipation der Juden „als Juden, also als einer Religionsgemeinschaft“ eine Kapitulation vor der Religion wäre. Ähnliches ist heute zu hören, wenn es um den Islam geht. Bauer driftete im Lauf seines Lebens immer weiter nach rechts und schließlich zum Antisemitismus. Marx dagegen bestand darauf, dass Religion eine Folge, nicht aber die Ursache der viel allgemeineren Unterdrückung sei. Er verwahrte sich dagegen, Energien aus dem wirklichen sozialen Kampf in eine sterile, theologische Debatte umzuleiten. Instrument der Herrschaft, Ausdruck des und Protest gegen das Elend Innerhalb der Linken wird oft angenommen, Religion sei einfach so etwas wie Heroinsucht, sie hält die Leute passiv und wird von der herrschenden Klasse benutzt, um Kriege, diskriminierende Gesetze und Klassenteilung zu rechtfertigen. Religiöse Welterklärungen können ein wirkliches Verständnis der sozialen Kräfte, von Ausbeutung und Unterdrückung, verhindern. Richtig, Religion ist in den Händen der Herrschenden ein Instrument der Unterdrückung. Andererseits spiegelt Religion aber auch die Hoffnungen der Unterdrückten auf eine gerechtere, freiere Welt wieder. In einem seiner berühmtesten Zitate sagt er so: Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes, und in einem die Protestation gegen, das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks. In einer in Klassen geteilte Gesellschaft, in der die Mehrheit der Menschen keine wirkliche Kontrolle über ihr Leben hat, kann die Religion eine scheinbare Lösung bieten. So haben Religionen in Zeiten von Umbrüchen Massenunterstützung erhalten. Das war beispielsweise in der Zeit der Industrialisierung in Europa der Fall, oder heute in „Entwicklungsländern“. Wenn Leute von der Hand in den Mund leben müssen, unsichere Gelegenheitsjobs haben, usw., scheint Religion eine gewisse Stabilität zu geben. Religion kann reizvoll sein, sowohl für herrschende Klassen wie für Unterdrückte. Die religiöse Doktrin ist vielseitig verwendbar, widersprüchlich. Klasse statt Religion Die Geschichte ist voll von Beispielen, in denen AnhängerInnen derselben Religion auf gegnerischen Seiten bei sozialen Konflikten standen. In Europa beriefen sich 2000 Jahre lang herrschende Klassen auf die Bibel, um ihre Herrschaft und ihre Kriege zu rechtfertigen. Im Ersten Weltkrieg waren deutsche Arbeiter gezwungen „für Gott und Vaterland“ zu töten und zu sterben, die britischen Führer riefen zum Kampf für „God, King and Country“ auf. Die Auseinandersetzung zwischen dem alten Feudalsystem mit seinen Leibeigenen und dem aufstrebenden Kapitalismus stellte sich oberflächlich betrachtet als Kampf zwischen Katholizismus und Reformation dar. In der englischen Revolution im 17. Jahrhundert beriefen sich sowohl die Königstreuen auf die Bibel, als auch die Aufständischen. Ähnliches gilt heute für den Islam, er wird zur Rechtfertigung prowestlicher Regimes wie in Saudi-Arabien und Pakistan herangezogen. Der Islam inspiriert aber auch Befreiungsbewegungen wie z.B. im Libanon. Im Koran und der Bibel kann man Zitate als Aufruf zur Rebellion und dagegen herauslesen. Auseinandersetzungen über die Interpretation der Bibel oder des Koran sind nicht nur theologische Diskussionen, sie sind ein Ausdruck der unterschiedlichen Interessen und Hoffnungen unterschiedlicher sozialer Gruppen. Es besteht ein fundamentaler Unterschied zwischen dem Christentum der „Dutch Reformed Church“, die in Südafrika die Apartheid unterstützte, und den schwarzen Kirchen, die gegen sie Kampagnen geführt haben. Der Ku-Klux-Klan bediente und bedient sich christlicher Symbolik, andererseits war der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King ein christlicher Geistlicher. Kirchen waren früher in den USA die einzigen Orte, wo sich Schwarze versammeln durften und sie Ideen diskutieren konnten. Religiöse Songs hatten oft eine Doppelbedeutung. In Lateinamerika haben in den 70er Jahren Bewegungen gegen diktatorische Regimes oft religiöse Formen angenommen, man denke an die Befreiungstheologie. Ihre Vertreter waren oft katholische Priester, die sich durch die Erfahrung mit Armut und Unterdrückung marxistischen Ideen näherten. Oft genug wurden sie dafür vom Papst gerügt und von rechten Todesschwadronen ermordet. Welche Position gegenüber der Religion einnehmen? Wir haben keinen mystischen oder religiösen Blick auf die Welt, wir sind AtheistInnen. Gleichzeitig kämpfen wir Seite an Seite mit Leuten, die sich gegen das System wehren, egal, welche Religion sie haben. Wir müssen verstehen, dass Religion ein Vehikel für reaktionäre Ideen sein kann und andererseits für Widerstand gegen Unterdrückung. SozialistInnen stellen sich auf der Seite derer, die sich gegen staatliche Gewalt und Unterdrückung wehren, sei es in Lateinamerika, dem nahen Osten oder sonst wo. Im Westen haben SozialistInnen gemeinsam mit MuslimInnen, ChristInnen und JüdInnen gegen den Krieg demonstriert. Ohne die Beteiligung zehntausender muslimischer AktivistInnen wäre die globale Antikriegsbewegung viel schwächer! SozialistInnen sind für völlige Religionsfreiheit Wie der russische Revolutionär Lenin sagte: Der Staat soll sich nicht mit Religion beschäftigen, religiöse Gruppierungen sollen nicht an den Staat gebunden sein. JedeR soll frei sein, eine Religion zu praktizieren, oder atheistisch zu sein wie die SozialistInnen. Lenin griff AnarchistInnen scharf an, die sich dem „Kampf gegen Gott“ verschrieben hatten. In seinem Text „Über das Verhältnis der Arbeiterpartei zur Religion“ bringt er das Beispiel eines Streiks, an dem klassenbewusste, sozialistische ArbeiterInnen und religiöse ArbeiterInnen teilnehmen. Lenin schreibt, dass MarxistInnen der Spaltung der Streikenden in Religiöse und Nicht-Religiöse entgegenzuwirken müssen. Er ist der Meinung, dass nur der wirkliche Fortschritt des Klassenkampfes alle ArbeiterInnen zu Sozialismus führen kann. Eine Aufspaltung der Streikenden in Religiöse und Nichtreligiöse hilft nur den Herrschenden. Er schreibt: „Ein Marxist muss Materialist sein, d.h. ein Feind der Religion, doch ein dialektischer Materialist, d.h. ein Materialist, der den Kampf gegen die Religion nicht abstrakt, nicht auf dem Boden einer abstrakten, rein theoretischen, sich stets gleich bleibenden Propaganda führt, sondern konkret, auf dem Boden des Klassenkampfs, wie er sich in Wirklichkeit abspielt“1 Wie schon Marx erkannte Lenin, dass sich religiöse Vorstellungen im Prozess der Gesellschaftsveränderung mitverändern. Einfach gesagt: Man kann nicht zuerst die Religion besiegen und dann Revolution machen. Was bedeutet das heute? Den aktuellen, rassistischen Backlash können wir nur konfrontieren, wenn wir als Linke die richtige Position zum Islam findet, d.h. wir antireligiöse Reflexe überwinden. Wir müssen verstehen, was Marx wirklich gemeint hat mit der „Religion als Seufzer der bedrängten Kreatur, dem Gemüt einer herzlosen Welt, dem Geist geistloser Zustände“. Keinesfalls lässt sich nämlich daraus ableiten, dass Menschen, die einer Religion anhängen, nicht gegen Rassismus verteidigt werden müssen. Wir dürfen nicht zulassen, dass rechte Ideen, wie die vom „Kampf der Kulturen“, in die Linke, und in die antikapitalistische Bewegung eindringen. Rassismus darf nicht mit Marx-Zitaten gerechtfertigt werden. Dieses Hindernis müssen wir als vereinte Linke überwinden. Wir brauchen eine aktionsfähige Linke, die ArbeiterInnen, Jugendliche, egal ob sie schwarz, weiß, muslimisch, jüdisch oder christlich sind, im Widerstand gegen jeglichen Rassismus und im Kampf für eine gerechtere Welt vereinigen. 1 Lenin über die Religion, S.27 |
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