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Sigmund Freud: Am Krankenbett der Bourgeoisie
 
  150 Jahre nach Freuds Geburtstag ist es sinnlos, die Ideen Freuds mit dem Marxismus zu vergleichen oder aber jeder der beiden Theorien ihre „eigene“ Sphäre zuzugestehen. Tom D. Allahyari versucht mit Marx’ Hilfe Unstimmigkeiten in Freuds Theorie zu finden und kritisiert vor allem Freuds Geschichtsverständnis.

Freud entwickelte seine Ideen am Ende der Ära der bürgerlichen Revolutionen, im gleichen Augenblick, in dem das BürgerInnentum jede revolutionäre Berufung verloren hatte. Es kombiniert den rationalistischen Materialismus aus der Ära der bürgerlichen Revolutionen, die sich gegen Adel und Kirche gerichtet hatten, mit der Ideologie der imperialistischen Periode.
Materialistisch gedacht ist es von Freud jedenfalls, „hohe“ moralischen Werte auf „niedere“ psychosexuelle Grundlagen zurückzuführen. Zurecht wird dabei an Freud kritisiert, dass er die Sexualität als alles beherrschendes Prinzip darstellt.
Freuds Leistung bestand vor allem darin, den naturalistischen, biologistischen Krankheitsbegriff der bürgerlichen Medizin, Psychiatrie, Pädagogik und Psychologie mit seiner Idee zu konfrontieren, dass die Ursachen psychischer Störungen in frühkindlichen Traumata (psychischen Verletzungen) und psychosozialen Fehlentwicklungen liegen. Seine Kritik der „kulturellen Sexualmoral“ der Erziehung und Religion wurde von den offiziellen Wissenschaften, der bürgerlichen Pädagogik, Medizin, Kirche usw. als schreckliche Bedrohung empfunden.
In Freuds Vorstellung von der menschlichen Psyche spielt der Konflikt zwischen den verschiedenen psychischen Instanzen, dem „Es“, dem „Ich“ und dem „Über-Ich“ die wichtigste Rolle. Die historisch-soziologische Dimension, genauso wie die Klassengesellschaft, in die die Psychoanalyse ja auch selbst eingebettet war und ist, wurde aber völlig ignoriert.
Die „Außenwelt“ mit ihren sozialen, politischen und kulturellen Institutionen wird im freudianischen Denken zur bloßen Projektion innerpsychischer Vorgänge. Nachdem die Psychoanalyse herausgefunden hatte, dass die Realität der äußeren Welt im Unbewussten symbolisch repräsentiert ist, ging sie mit der so gewonnenen Symbolsprache nun daran, die äußere Realität zu entschlüsseln. Das führt dazu, dass die reale Gegenwart mit ihren Gesetzen, Moralvorstellungen und Religionen nur als „geronnener“ kollektiver Wahn gesehen wird, nicht als Folge ökonomischer und damit sozialer und politischer historischer Entwicklungen.

DER KLASSENCHARAKTER DER THEORIEN FREUDS

Ein Faktor bei der Entstehung der Theorie der Psychoanalyse ist natürlich auch der Klassencharakter der PatientInnen, die Freud behandelte. Seine Klientel bestand hauptsächlich aus der Wiener Ober- und Mittelschicht, die durch den Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie in Unruhe versetzt war. 1904 empfiehlt Freud: „Man weise Kranke zurück, welche nicht einen gewissen Bildungsgrad und einen einigermaßen verlässlichen Charakter besitzen.“ Bildung war natürlich genauso wie die Fähigkeit, teure Therapien bezahlen zu können, ein Privileg vermögender BürgerInnen, ArbeiterInnen fielen so von vorne herein als PatientInnen aus. So bekam Freud nichts mit von den Folgen der Lohnarbeit auf Bewusstsein und Verhalten. Arbeit ist bei Freud immer Kopfarbeit, immer eine befriedigende Sache. In seinen eigenen Worten: „Phantasieren und Arbeiten fällt für mich zusammen, ich amüsiere mich bei nichts anderem“. Die bittere Realität, dass die meisten Menschen für ihr Überleben arbeiten müssen und dass diese Arbeit ihr Leben beschneidet und verkümmert, nimmt Freud nicht wahr, ebensowenig die Tatsache, dass psychische Erkrankungen von Lohnabhängigen mit ihrer Situation am Arbeitsplatz und ihrer untergeordneten Stellung in der Gesellschaft zusammenhängen.
Freud stilisierte dafür die „Tugenden“, die schon Karl Marx als die „Kardinaltugenden“ des aufsteigenden, liberalen BürgerInnentums erkannt hatte, wie Geiz und Sparsamkeit, zu einer für alle Menschen zu allen Zeiten gültigen Triebnatur.

ENTFREMDUNG

Marx arbeitet mit dem Begriff der „Entfremdung“ und meint damit, dass ArbeiterInnen keine Kontrolle über die Produkte, die sie mit ihrer Arbeit erzeugen, und über die Arbeit selbst haben. Die Arbeit, das kreative Verändern der Umwelt, also das, was sein Menschsein ausmacht, wird zum reinen Mittel zum Zweck. Dadurch sind die Beschäftigten ihrer eigenen Natur, der äußeren Natur und den anderen Menschen „entfremdet“. „Der Kapitalismus ist für Marx eine Welt, in der die ArbeiterInnen von den Produkten ihrer Arbeit beherrscht werden, die die Form eines fremden Wesens, des Kapitals, angenommen haben.“ 1
Aber auch die Kräfte, die die Kapitalisten antreiben, lassen sich nicht befriedigend mit Freuds Theorien erklären. Der Kapitalist wird nämlich nicht durch einen Ödipuskomplex oder Machttrieb motiviert, sondern er ist im kapitalistischen System einfach zur Kapitalakkumulation gezwungen. Friedrich Engels bemerkte: „Es hängt nicht vom guten Willen des einzelnen Kapitalisten ab, ob er sich auf diesen Kampf (es ging um die Dauer des Arbeitstages, Anm.) einlässt oder nicht, da die Konkurrenz selbst die menschenfreundlichsten unter ihnen zwingt, sich ihren Kollegen anzuschließen.“

DAS GESCHICHTSBILD DER PSYCHOANALYSE

Karl Marx über die Psychologie: „Man sieht, wie die Geschichte der Industrie und das gewordene gegenständliche Dasein der Industrie das aufgeschlagene Buch der menschlichen Wesenskräfte, die sinnlich vorliegende menschliche Psychologie ist (...) . Eine Psychologie, für welche dieses Buch, also gerade der sinnlich gegenwärtigste, zugänglichste Teil der Geschichte zugeschlagen ist, kann nicht zur wirklichen, inhaltsvollen und reellen Wissenschaft werden.“2
Nachdem die Psychoanalyse auf dem Auge blind ist, das die ökonomischen und gesellschaftlichen Realitäten (nämlich die Geschichte der Produktion bis zum modernen Kapitalismus) sehen sollte, verallgemeinert sie, was sie mit dem anderen Auge sieht, nämlich die entfremdete Psychologie des bürgerlichen Menschen ihrer Entstehungszeit.
Der marxistische Historiker Isaak Deutscher drückt es so aus: „Die Psychoanalyse konnte sich bisher nur mit dem bürgerlichen Menschen der imperialistischen Epoche befassen. Sie präsentiert ihn als den Menschen schlechthin, behandelt seine inneren Konflikte in überhistorischer Manier als Konflikte von Menschen aller Epochen, aller sozialen Ordnungen – als der menschlichen Existenz inhärente Konflikte“ 3

EINE GESCHICHTE VON VATERMORDEN

In einem seiner berühmtesten Werke, „Totem und Tabu“, schreibt Freud, dass sich der phantasierte Mord am Vater („Ödipuskomplex“), den das bürgerliche Kind durchmacht, in der Urgeschichte der Menschheit wirklich abgespielt hat. Die ganze Geschichte der Menschheit ist eine immer wieder kehrende, blutige Geschichte von Morden von Söhnen an Vätern. Im Widerspruch auch zu den Forschungsergebnissen seiner Zeit lässt Freud die Menschheitsgeschichte mit dem Mord der sogenannten „Brüderhorde“ am Vater beginnen. Wie ein roter Faden zieht sich die Vertauschung von individueller Entwicklung mit der Gesamtentwicklung der Menschheit durch Freuds Geschichtsbild. So ist für ihn die Geschichte nicht eine Geschichte von Klassenkämpfen, wie dem zwischen SklavInnenhaltern und SklavInnen, Adel und Leibeigenen, dem Kapital und ArbeiterInnen, sondern eine Geschichte von Vatermorden. Jede Revolution muss so als „äußere“ Auswirkung innerpsychischer Prozesse gesehen werden und nicht als Auseinandersetzung zwischen Klassen mit unterschiedlichen Interessen in Bezug auf die Organisation der Gesellschaft.

IDEOLOGISCHE FOLGEERSCHEINUNGEN

Die Rolle der Theorie Freuds in der bürgerlichen Ideologie lässt sich mit der der Nationalökonomie vergleichen. Die Nationalökonomie behauptet, in vorkapitalistischen Gesellschaften, in denen noch Gemeinschaftsbesitz bestand („Urkommunismus“) die Keimzellen kapitalistischen Wirtschaftens zu entdecken und phantasiert Privateigentum in eine Zeit, als es noch nicht existierte.
Die Psychoanalyse siedelt die Struktur der patriarchalen Familie und die bürgerlichen Moralvorstellungen schon in der Vorgeschichte an, in der in Wahrheit noch keine Klassenteilung und kein Privateigentum bestand. Freuds Geschichtskonstruktion verlegt die typischen Eigenschaften des frühen BürgerInnentums einfach in die Vor- und Frühgeschichte der Menschheit.
Aus seinen Untersuchungen von bestimmten Neurosen schloss Freud, dass es im Menschen einen angeborenen Aggressions- bzw. Todestrieb geben müsse. Freud macht so aus den aggressiven gesellschaftlichen Verkehrformen, der mörderischen Konkurrenz auf dem Kapital- und Arbeitsmarkt, den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen imperialistischen herrschenden Klassen eine aggressive Triebnatur DES Menschen überhaupt.
Auf die heutige Zeit umgelegt würde das z.B. bedeuten dass US-Soldaten wegen ihres Aggressionstriebs Irakis töten. Der Widerstand kämpft dann nicht um menschenwürdige Lebensbedingungen und nationale Befreiung, sondern eben wegen des angeborenen Tötungstriebs der einzelnen Guerillas. Die Idee, dass der Mensch des Menschen Wolf ist, wurde, mit freudianischer Sprache gewürzt, zu einem Schlachtruf gegen den Sozialismus. Doch existiert so etwas wie eine unveränderliche menschliche Natur überhaupt?
Karl Marx schreibt dazu in seinen „Thesen über Feuerbach“: „...das menschliche Wesen ist kein dem Menschen innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es die Gesamtheit der gesellschaftlichen Verhältnisse“ Er meint damit, dass sich die Gesellschaft ebenso wie die Auffassungen, Bedürfnisse und Fähigkeiten der Männer und Frauen ändert. Die Eigenschaften der Menschen können nicht von der Art der Gesellschaft, in der sie leben, getrennt werden“ 4

PSYCHOANALYSE UND IMPERIALISMUS

In Freuds Vorstellung stellten außereuropäische Gesellschaften „primitive“ Vorstufen der europäischen Kultur dar - als wären ganze Kontinente in einer frühen Entwicklungsstufe verblieben.
So wird aus dem kolonialen Imperialismus ein bestimmtes Menschenbild abgeleitet, das dann wieder selbst den Imperialismus rechtfertigt.
Immer wieder verglich Freud den Neurotiker mit dem „Primitiven“, was eine immense ideologische und politische Bedeutung hatte. Diese Ideen waren für den europäischen und US-amerikanischen Imperialismus eine willkommene „wissenschaftliche“ Rechtfertigung für die Unterdrückung ganzer Völker. Solche Vorstellungen finden sich auch in aktuelle bürgerliche Analysen wie dem „Kampf der Kulturen“ und müssen scharf bekämpft werden.
Freuds Ideen waren gegenüber dem Konservatismus seiner Zeit sicher fortschrittlich, allein schon seine Thematisierung der Sexualität stellte einen Tabubruch dar. Ebenso wertvoll sind seine Einsichten in Dynamiken der Psyche, selbst wenn er verabsäumte darzustellen, dass er eben nur die Psyche des BürgerInnentums seiner Zeit untersuchte.
In der gewöhnlichen, materiellen Industrie haben wir unter der Form sinnlicher, fremder, nützlicher Gegenstände, unter der Form der Entfremdung, die vergegenständlichten Wesenskräfte des Menschen vor uns. „Blind für die ‚gewöhnliche materielle Industrie’, erschien der Psychoanalyse deren verzerrtes, entfremdetes Abbild in der Psyche des Menschen als sein ‚Wesen’“ 5

1 Alex Callinicos, „Die revolutionären Ideen von Karl Marx“, S. 102 2 Karl Marx, MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S.542/543 3 Isaak Deutscher, „Die sozialistische Konzeption vom Menschen“, S.6 4 Alex Callinicos, „Die revolutionären Ideen von Karl Marx“, S.86 5 Michael Schneider, „Neurose und Klassenkampf“, S.85






   
     
 
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