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Alexandra Kollontai: Frauenbefreiung und Revolution
Juni / 2006

Die Schriften der russischen Revolutionärin Alexandra Kollontai sind für jedeN Inspiration, der oder die Unterdrückung verstehen und bekämpfen will. Sie argumentierte, dass der Kampf für die Befreiung der Frauen mit dem Kampf gegen Kapitalismus und für eine sozialistische Gesellschaft Hand in Hand geht. Dementsprechend spielte Kollontai eine führende Rolle im Versuch, eine solche Gesellschaft nach der Russischen Revolution von 1917 aufzubauen. Alexandra Kollontai wurde 1872 in eine wohlhabende Familie in Russland geboren.

Sie wuchs in einer Welt auf, in der Frauen nur als frivole Schmuckstücke für ihre Männer galten – und rebellierte dagegen. Von meiner Kindheit an machte ich meiner Mutter viel Ärger wegen meiner Überzeugung, nicht wie ‚die anderen’ leben zu wollen, schrieb sie später. "Schon früh in meinem Leben sah ich die sozialen Ungerechtigkeiten, die Russland prägten". Nachdem sie die Arbeitsbedingungen in einer Textikfabrik zu sehen bekam, wurde sie Sozialistin und unterstützte eine Streikwelle im Jahre 1896, an der auch viele Arbeiterinnen teilnahmen.

In Zeiten des Streiks und der Unruhe wächst die niedergeschlagene, schüchterne, rechtelose Proletarierin plötzlich über sich hinaus und lernt, aufrecht zu stehen schrieb Kollontai. Im Jahre 1905 erschütterte eine Revolutioin das repressive Regime in Russland und brachte Frauen an die vorderste Front des politischen Kampfes. Kollontai war darüber begeistert: 1905 gab es keine Ecke in der man nicht, auf die eine odere andere Weise, Stimmen von Frauen hörte, die über sich selbst und die Rechte, die sie verlangten, sprachen. In den folgenden Jahren, nach der Niederlage der Revolution von 1905, gewann Kollontai Arbeiterinnen für den Sozialismus. Sie organisierte hunderte Fabriksversammlungen, oft getarnt als Nähzirkel, um Polizeirazzien zu entgehen.

Kollontai widersprach den Feministinnen der Oberklasse, die argumentierten, dass alle Frauen die selben Interessen teilen würden. Doch für Kollontai war die Welt der Frauen in zwei Lager gespalten, genau wie die Welt der Männer. Gleiche Rechte für arbeitende Frauen bedeutete nur ein gerechter Anteil an der Ungerechtigkeit. Und sobald Frauen der Oberklasse Zugang zu Machtpositionen bekamen, wurden die einstigen Verfechterinnen der ‚Frauenrechte’ zu enthusiastischen Verteidigerinnen der Privilegien ihrer Klasse, und ließen ihre jüngeren Schwestern ohne irgendwelche Rechte zurück.

Dreifache Bürde

Kollontai meinte, dass die Basis für Frauenunterdrückung in der Rolle der Familie im Kapitalismus liegt. Die hauptsächliche Verantworlichkeit für Kinderbetreuung wurde einzelnen Menschen, meist Frauen, innerhalb de Familie übertragen. Die Herrschenden predigten ArbeiterInnen die Wichtigkeit der familiären Werte, während gleichzeitig das kapitalistische System zwischenmenschliche Beziehungen und Familienleben zerstörte: Was für ein Familienleben, in dem Mann und Frau in verschiedenen Abteilungen der Fabrik arbeiten müssen? Was für ein Familienleben, wenn Vater und Mutter 24 Stunden am Tag außer Haus sind, die meiste Zeit davon hart arbeiten müssen, und keine paar Minuten mit ihren Kindern verbringen können?

Die Entwicklung des Kapitalismus zwang immer mehr Frauen zu arbeiten. Dadurch konnte ein Potential zur Emanzipation entstehen, so Kollontai, doch tatsächlich wurde Frauen eine dreifache Bürde auferlegt. Die Frau, Mutter und Arbeiterin, schwitzt Blut, um drei Aufgaben zur selben Zeit zu erledigen: Die notwendigen Stunden zu arbeiten, wie ihr Mann es tut, dann, sich so gut wie möglich um den Haushalt zu kümmern, und die Kinderbetreuung zu übernehmen. Kapitalismus legt der Frau eine Bürde auf, die sie erdrückt: Sie wurde zur Lohnarbeiterin gemacht, ohne ihre Pflichten als Hausfrau und Mutter zu reduzieren. Für Kollontai konnte nur der Sozialismus jene kollektiven Einrichtungen bereitstellen, die den Frauen diese Belastung nehmen könnten.

Revolution

Die Revolution in Russland trug mehr zum Kampf gegen Frauenunterdrückung bei als jedes Ereignis davor und danach. Frauen wurde ein vollkommen gleichberechtigter rechtlicher Status zugesprochen. Die Ehe war keine religiöse Angelegenheit mehr und Scheidungen wurden erleichtert. Viele der gesetzlichen Errungenschaften gingen weiter, als es im Europa des 21. Jahrhunderts der Fall ist. Abtreibungen wurden bei Bedarf kostenlos durchgeführt. Kinderbetreungsstätten wurden an vielen Arbeitsplätzen eingerichtet. Mütter erhielten 16 Wochen voll bezahlten Mutterschutz und bekamen zusätzlich Geldmittel, damit einE FreundIn sich frei nehmen konnte, um bei oder nach der Geburt zu helfen. Kollontai förderte die Errichtung von Kindertagesstätten, gemeinschaftliche Wäschereien und Restaurants.

1920 wurde Kollontai Vorsitzende der Frauenabteilung in der Sowjet-Regierung, die es sich zur Aufgabe machte, die neuen Gesetze auch tatsächlich in die Tat umzusetzen. Sie reiste durch ganz Russland, auch rückständige ländliche Bereiche, und rief Frauen dazu auf, an allen Bildungsmöglichkeiten, an jedem Teil des sozialen und politischen Lebens voll teilzunehmen. Sie stand in Zentrum der Debatten um Sexualität und Beziehungen, die nach der Revolution aufkamen.

Liebe und Sexualität

Kollontai argumentierte, dass unsere Sexualität mit den weiteren sozialen Beziehungen verknüpft ist. Im Kapitalismus, schrieb sie, hat die bürgerliche Moral, mit ihrer abgeschotteten, individualistischen Familie, die komplett auf Privatbesitz beruht, die Idee sorgsam kultiviert, dass ein Partner den anderen ‚besitzen’ sollte. Die Persönlichkeit einer Frau wird fast ausschließlich in Bezug auf ihr Sexualleben bewertet. Menschen versuchen, durch ihre privaten Beziehungen dem Druck von Armut und Ausbeutung zu entkommen. Doch der Kapitalismus wirkt sogar in jene Bereiche des Lebens hinein, die so intim und persönlich scheinen: Wir leben in einer Welt der Besitzverhältnisse, mit scharfen Klassenwidersprüchen und einer individualistischen Moralität. Der Mensch erfährt diese ‚Einsamkeit’ selbst in Städten voll Leuten und Lärm, sogar in der Umgebung enger FreundInnen und KollegInnen. Durch diese ‚Einsamkeit’ hängen sie der gefährlichen Illusion an, einen ‚Seelenverwandten’ vom anderen Geschlecht finden zu müssen. Wenn Frauen eine aktive und gleichberechtigte Rolle in der Gestaltung der Gesellschaft führen, argumentierte Kollontai, wird dadurch die Basis für Frauen und Männer geschaffen, ihre Beziehungen neu zu bewerten und definieren. Im Sozialismus, schrieb sie, hat der Mensch die Möglichkeit, sich intellektuell und emotionell zu entwickeln wie nie zuvor. Dabei werden neue Formen von Beziehungen entstehen und das Konzept Liebe erweitert und verbreitert. Doch tragischerweise war die Russische Revolution zu schnell geschlagen, als dass mehr als Anfänge dieser Veränderungen zu sehen gewesen wären. Militärische Invasionen, Bürgerkrieg und Wirtschaftskollaps dezimierten den ArbeiterInnenstaat. Kollontai selbst verließ Russland desillusioniert und nahm einen diplomatischen Posten in Norwegen an.

Stalins Konterrevolution

Ende der 1920er Jahre zerschlug alles, was von Demokratie und ArbeiterInnenkontrolle noch übrig war, und nahm die Errungenschaften der Frauen wieder zurück. In einer grotesken Umkehr der Befreiung verlieh Stalin sogar Mutterschaftsmedaillen an Frauen, die besonders viele Kinder zur Welt brachten und aufzogen. Doch für ein paar kurze Jahre ließ die Russische Revolution erahnen, wie echte Frauenbefreiung aussehen kann. Kollontais Schriften über Unterdrückung, Familie und sexuelle Beziehungen sind heute noch so relevant wie zu der Zeit, als sie geschrieben wurden. Vor allem zeigt Kollontai, dass es im Sozialismus um die Befreiung der Menschheit und jedes Teils unseres Lebens geht. Wie Kollontai selbst es ausdrückte: Diese neuen Verhältnisse werden den Menschen die Freuden einer Liebe ermöglichen, die in der kommerzialisierten Gesellschaft des Kapitalismus undenkbar ist.





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