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Soziales | Imperialismus | Links-Parteien | Theorie | Islam
Oktober - 2012 (Mo. 24.09.12) © Cryptome Es ist völlig verkehrt den Islamismus pauschal als faschistoid abzutun oder als durchwegs fortschrittliche antiimperialistische Kraft zu feiern. Wir Linken brauchen das richtige Verständnis für den richtigen Umgang mit Islamismus, meint Manfred Ecker. Wie sich alle seriösen Historiker einig sind, bedeutete die Durchsetzung der mohammedanischen Religion und Gesellschaftsordnung einen ernsthaften Fortschritt für die betroffenen Gesellschaften, aber sie wurden dadurch keineswegs frei von Konflikten. ErneuerungPraktisch seit dem Tode des Propheten Mohammed im Jahre 632 unserer Zeitrechnung predigen politische muslimische Führer eine Erneuerung der Gesellschaft durch eine Annäherung an die Ideale des Islam. »Die moslemische Geschichte kennt zahllose Revolten gegen die etablierte Macht unter der Führung von Mahdis, die für ihre Bemühungen allzu oft mit dem Tod bezahlten ... Die Anführer waren oft arme Bauern oder stammten aus unterprivilegierten ethnischen Gruppen. Der Gebrauch der islamischen Diktion hat ihr Bewusstsein für die eigene Benachteiligung geschärft und die Bewegung zementiert.« (Ahmed, »Discovering Islam«, New Delhi 1990) Kapitalistische UmwälzungenMan muss die Unzufriedenheit der Menschen in islamischen Ländern untersuchen, wenn man die modernen islamistischen Strömungen verstehen will, denn auf dieser gedeihen ihre Bewegungen. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Veränderungen, die Imperialismus über die Länder zwischen Nordafrika und dem Golf von Bengalen gebracht hat. Typisch für alle Länder des Südens sind die massive Landflucht und die gigantischen Slum-Siedlungen in den Großstädten. Kapitalismus brachte diese Veränderungen meist nicht schonend, sondern mit Waffengewalt durch die Armeen imperialistischer Großmächte. Moderner Islam(ismus)?Islamismus ist (im Unterschied zu islamischen Traditionalismus oder Fundamentalismus) vor allem gegen die Korruption und Rückständigkeit der eigenen politischen Eliten (oft auch der religiösen Eliten) fokussiert, die es den Invasoren erlaubt hat, die ganze Gesellschaft zu unterwerfen und zu beherrschen. Entgegen ihrem Ruf als traditionalistische und antimoderne Bewegung lehnen diese Strömungen nicht alle Aspekte der modernen Gesellschaft ab. Sie behaupten sogar, dass der Islam als rationalere und weniger abergläubische Religion als das Christentum stärker im Einklang mit der modernen Wissenschaft stünde. Industrieller Kapitalismus und eine moderne Landwirtschaft wären in ihren Augen kompatibel mit einer sozial gerechten Gesellschaft, wenn sich die Werte des »wahren Islam« durchsetzen würden. Es ist deshalb völlig verfehlt, wenn man jede islamistische Gruppierung als rückwärtsgewandt oder reaktionär aburteilt. Sie identifizieren die Abkehr von den Prinzipien des »wahren Islam« als Ursache für die Schwächung und die Unterjochung der islamischen Gesellschaften. Die korrupten Regimes, die Marionettenregierungen und Diktaturen in der muslimischen Welt sind ihnen meist genauso zuwider wie die imperialistischen Mächte, mit welchen diese verbündet waren und sind. Klassenkonflikte nicht begrabenIn der ägyptischen Muslimbruderschaft oder der libanesischen Hisbollah finden sich Industriekapitäne, Besitzer von Handelsketten und besonders zahlreich Akademiker und Wissenschaftler. In den entscheidenden Führungspositionen islamistischer Bewegungen sind oft Geschäftsleute wie der ägyptische Präsident Mohammed Mursi zu finden. Islamismus will im Unterschied zu Sozialismus keine Aufhebung der Klassengegensätze. Weniger Korruption, weniger Gier und Eigennutz, eine Verpflichtung zu sozialem Ausgleich – das ist der Weg zu einer gerechteren Gesellschaft, den die Islamisten den Werktätigen und Arbeitslosen anbieten. In diesen Aspekten ähneln sie den sozialdemokratischen und liberalen Parteien und ganz ähnlich wie diese Parteien sind sie – einmal an der Macht – nur allzu bereit hier Abstriche zu machen, wenn es die »wirtschaftliche Realität« einfordert. Scheitern an der RealitätAktuell verhandelt etwa Präsident Mursi über einen Kredit von ca. drei Milliarden Euro mit dem Internationalen Währungsfonds. Der IWF unter Präsidentin Christine Lagarde fordert im Gegenzug härteste Sparmaßnahmen, insbesondere Kürzungen bei den staatlichen Lebensmittel- und Spritsubventionen. Die ärmeren Schichten, die riesige Hoffnungen in die Muslimbruderschaft gesetzt haben, werden davon am härtesten betroffen sein. Es sind natürlich diese sozialen Gegensätze, auf die Sozialistinnen und Sozialisten sich konzentrieren müssen, wenn sie die Werktätigen und die verarmten Massen für Sozialismus gewinnen wollen – und nicht die Kontroverse zwischen Säkularismus und Religiosität. Die Bruchlinien innerhalb der islamistischen Bewegungen sind die Klassendifferenzen zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten. Weil sie nicht außerhalb des globalen Kapitalismus agieren können, werden diese Bruchlinien durch die globale Wirtschaftskrise ausgeweitet und sichtbarer. Diese Theorie bestätigt sich laufend in der Praxis: Anfang September 2012 gingen entgegen der Bemühungen der Muslimbruderschaft in ganz Ägypten die Beschäftigten in praktisch allen Wirtschaftssektoren in Streik. Die großen Geschäftsleute in den islamistischen Bewegungen haben eigene soziale Interessen. Wo immer sie sich in der Opposition befinden, wollen sie Vetternwirtschaft loswerden, denn während ihre regimefreundlichen Konkurrenten unermesslich reich wurden, wird es ihnen selbst unmöglich gemacht, sich nach der gläsernen Decke zu strecken. Interne WidersprücheEin kurzer Blick auf die Klassenzusammensetzung von islamistischen Bewegungen macht deutlich, wie unlösbar die Widersprüche innerhalb ihrer Organisationen sind. Chris Harman, der 1994 mit »Der Prophet und das Proletariat« eine bahnbrechende marxistische Analyse des Islamismus verfasst hat, nennt vier Hauptgruppen als Klassenbasis des Islamismus.
Die Konkurrenz der IslamistenDrei politische Strömungen haben bisher den Kampf gegen die koloniale Abhängigkeit in den muslimischen Ländern dominiert: Kommunisten, Nationalisten und Islamisten. Ganz komprimiert darf man behaupten: Die Moskau-treuen Kommunisten haben versagt, die arabischen Nationalisten haben versagt und die Islamisten sind mancherorts an der Reihe zu zeigen, ob sie ihre Versprechen einhalten können. Die Kommunistischen Parteien (KPs) waren über weite Strecken der jüngeren Kolonialgeschichte eine sehr wichtige Kraft im Befreiungskampf. Sie haben aber große Rückschritte erlebt, heute sind sie beinahe bedeutungslos. Besonders nachhaltig wirkte die aus Moskau verordnete Volksfrontpolitik, die sie dazu brachte Koalitionen mit progressiven bürgerlichen Kräften zu suchen. Sie erwarteten, dass im Windschatten der antikolonialen Kämpfe eine unaufhaltsame »Modernisierung« in den ehemaligen Kolonien stattfinden würde, und damit eine Übernahme »westlicher Werte«. Unabhängige Aktionen der Arbeiterinnen- und Arbeiterklasse waren damit für lange Zeit ein Ding der Vergangenheit. Aber auch die Nationalisten, die sich gegen die Kommunisten durchsetzen konnten, scheiterten mit ihren Projekten unabhängiger nationaler Entwicklung. Zum einen deshalb, weil sie die inneren Konflikte der ehemaligen Kolonien nicht beseitigen konnten. Die Widersprüche zwischen der armen Landbevölkerung, der Arbeiterschaft und der kleinen Gruppe führender Kapitalisten nahmen nach kurzer Zeit wieder zu, wie es zu erwarten war. Es war die eigene herrschende Klasse der befreiten Kolonien, die jede weitere Emanzipation aufhalten musste, wenn sie sich an der Macht halten wollte. Zum anderen war Imperialismus nur geschwächt, aber nicht besiegt worden. Echte Befreiung?In weiten Teilen der Linken herrschte in den Siebzigerjahren die Illusion, dass der kolonialen Befreiung »automatisch« progressive Entwicklungen folgen würden. Aber in vielen Ländern Lateinamerikas, Asiens und Afrikas folgten einem kurzen politischen Aufschwung blutige Diktaturen. So folgte etwa auf den Sturz des Schahs von Persien 1981 die Herrschaft des Ayatollah Khomeini. Viele von ihnen haben das Kind mit dem Bad ausgeschüttet und ihre Unterstützung für die antikolonialen Befreiungsbewegungen nachträglich als Fehler eingeschätzt. Die Wahrheit ist, dass es nicht verwundern darf, wenn sich zwischenzeitlich die Islamisten durchgesetzt haben. Wenn inmitten einer revolutionären Krise die Arbeiterinnen- und Arbeiterklasse nicht gut genug organisiert ist, dann wird sie ihre Interessen nicht durchsetzen können – und das wäre schließlich der einzige Weg zu mehr Gerechtigkeit. Bis die wirklich progressive Bewegungen gut genug aufgestellt sind, werden andere Kräfte die Führung über die Befreiungsbewegungen einnehmen. Die Krisentendenz im Kapitalismus erlaubt es ihnen jedoch nicht, die soziale Stabilität zu etablieren, die für ihre dauerhafte Festigung notwendig wäre. Zu allen Artikeln dieser Ausgabe Weiterführende Artikel:
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