Frisst die Revolution ihre Kinder?

September - 2012 (Mi. 29.08.12)
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Peter Herbst entdeckt den Ursprung eines bekannten Vorurteils und erzählt wer wirklich die Kinder der Revolution getötet hat.

»Die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre eigenen Kinder.« Dieser Ausspruch Pierre Vergniauds kurz vor seiner Hinrichtung 1793, wird in seiner verkürzten Form gerne als Schlagzeile zu Erhebungen aller Art gebracht. Vom Handelsblatt in Bezug auf den Iran ironisch verzerrt, von der Süddeutschen zu Ägypten völlig falsch und von Jürgen Todenhöfer sinngemäß gegen einen Kritiker des Assad-Regimes, dem er Revolutionsromantik unterstellt. Eine gute Gelegenheit also, Ursprung und Bedeutung des Zitats zu beleuchten.

Die Französische Revolution



In der Französischen Revolution stand die junge Republik besonders mit Beginn des Krieges gegen die anderen europäischen Mächte unter Druck: Innerhalb Frankreichs sabotierte der König den Kampf gegen die österreichischen und preußischen Heere, während geflüchtete Adelige in den Nachbarländern die Konterrevolution vorbereiteten. Schließlich wurden die Revolutionäre zu drastischeren Mitteln gezwungen: Der preußische Herzog von Braunschweig belagerte Paris, kündigte an den König wieder einzusetzen und alle Revolutionäre hinrichten zu lassen. Deshalb werden bei den sogenannten Septembermorden potentielle Verbündete des Königs aus den Gefängnissen geholt und zu Hunderten umgebracht. Ein Gefängnis mit Schuldnern wurde bezeichnenderweise verschont.

Die Entscheidung fiel zwischen einem Massaker an den eigenen Kräften oder der Hinrichtung von den Komplizen des Königs und wurde öffentlich nachvollzogen. Ein Jahr später erließ man sogar ein Gesetz namens Terror und meinte damit die entschlossene Unterdrückung der Konterrevolution. Nur war die Konterrevolution nicht aufzuhalten, weil die sozialen Kräfte hinter der Revolution in Besitzlose und Bürgerliche gespalten waren. Außer bei den entscheidenden Schlachten, wagte das Bürgertum es nicht die Besitzlosen zu mobilisieren, und die Jakobiner, revolutionär gesinnte Bürgerliche, waren im Kampf gegen den rechten Flügel der Girondisten und die Aristokratie auf sich allein gestellt. Die entscheidenden Gremien bestanden nämlich während der Revolution 1789 bis 1795 vor allem aus Angehörigen des Bürgertums wie Rechtsanwälten und Gelehrten, sowie ein paar Adeligen. Die Fraktion der Girondisten, der auch Vergniaud angehörte, stand dabei wohlhabenden Geschäftsleuten nahe.

Dagegen waren die Jakobiner den Sansculotten verbunden. Die Sansculotten bildeten das Rückgrat der Revolution, und setzten sich aus Handwerkern, Arbeitern und kleinen Ladenbesitzern zusammen. Sie spielten eine wichtige Rolle, etwa in der Erstürmung der Bastille und der Gefangennahme des Königs. Die Girondisten können als Liberale gelten. Wäre es nach ihnen gegangen, wäre die Revolution schon im Ansatz erstickt. Sie verachteten die besitzlosen Sansculotten als unkultivierten Pöbel und wären häufig zu Rückzug und fatalen Kompromissen bereit gewesen. Während sie die Septembermorde voller Abscheu verurteilten, profitierten auch sie von der Abwehr der Royalisten. Das Motto der Jakobiner war unter dessen »Wagemut, und noch mehr Wagemut, immer Wagemut«. Sie setzten sich für soziale Reformen und eine Verbesserung der Lage der Sansculotten ein. Als soziale Errungenschaften jedoch stagnierten und schließlich wieder abgeschafft wurden, waren die Sansculotten von der Revolution enttäuscht und harrten teilnahmslos den weiteren Geschehnissen. Robespierre ordnet schließlich die Hinrichtung von Danton und weiterer ehemaliger Vertrauter an, wenig später manövrierte er sich selbst auf das Schafott.

Das Besitzbürgertum ergreift nun die Macht in Form des Direktoriums, die Revolution ist zu Ende und der Weiße Terror beginnt. Die Lehre aus der französischen Revolution ist nicht, dass die Revolution ihre Kinder frisst, sondern dass die Niederlage der Revolution Leben kostet. Die französische Revolution konnte nicht bis zur Gründung einer gerechten Gesellschaft voranschreiten, weil die Voraussetzungen für eine klassenlose Gesellschaft noch nicht vorhanden waren. Das Proletariat war noch nicht kollektiv in großen Fabriken organisiert und die Handwerker und Bauern konnten nicht dauerhaft eine kollektive Kraft bilden. Um wenigstens das alte feudale Regime dauerhaft zu beseitigen und durch ein bürgerliches Regime zu ersetzen, mussten die radikalen Bürgerlichen hart durchgreifen.

Die Pariser Kommune



In der Pariser Kommune im Jahr 1871 setzt sich die inzwischen herausgebildete Arbeiterklasse gegen die Unterdrückung durch die herrschende Klasse zur Wehr. Es fraß letzten Endes nicht die Revolution ihre Kinder, sondern die Konterrevolution führte vor, wie wirklicher Terror aussah. Die Revolutionäre der Pariser Kommune legten dagegen eine geradezu rührende Zurückhaltung an den Tag. Eine damals vorherrschende Ansicht war jene der Proudhonisten, dass gegen die alten Herrscher keine Gewalt notwendig wäre, sondern dass man stattdessen mit gutem Beispiel führen sollte. Die eigene Lebensweise würde sich nach und nach als die bessere erweisen und im ganzen Land aufgenommen werden. Die Geschichte hat dagegen gezeigt: Hätte man die aus der Stadt geflüchtete Elite gleich nach Versailles verfolgt, hätte man sie ohne großes Blutvergießen bezwingen können.

Während sich die verschiedenen Gruppen unter den Revolutionären jedoch über die weitere Vorgehensweise uneins waren, hatte man in Versailles ein klares Ziel vor Augen. Bourbonen, Orléanisten, Bonapartisten und Republikaner waren vereint in ihrem Hass gegen das Proletariat. Sie legten ihre Differenzen beiseite, nutzten die ihnen geschenkte Zeit und sammeltendie eigenen Kräften wieder um zum Gegenangriff überzugehen. Mit freundlicher Unterstützung durch Preußen, gegen das sie gerade eben noch Krieg geführt hatten. Die Bevölkerung wurde beim Einfall in die Stadt auf Befehl der Führung hemmungslos massakriert und das Morden hielt noch Wochen nach Ende der Kämpfe an. Mit ihrer Ablehnung jeglicher Gewalt, akzeptieren Pazifisten auch heute noch ein umso größeres Blutbad, wenn die Konterrevolution eintrifft. Die Liberalen von damals, waren nunmehr auf Seiten der Reaktion gelandet und sahen schweren Herzens bei der Erschießung ganzer Familien zu. Das Motto »Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit« hatten sie jedoch in ihrem Herzen bewahrt.

1848, Prag und DDR



Auch die Revolutionen von 1848 nahmen in Frankreich ihren Anfang. Und auch in Österreich stützte sich das Bürgertum auf die Hilfe aus der Arbeiterklasse. Als die Regierung erste Zugeständnisse machte, gab sich das Bürgertum damit zufrieden, und sah dabei zu, wie die kaiserliche Nationalgarde im Prater die Arbeiter niederschoss. Wer fraß da wen? Als 1968 der Prager Frühling von russischen Panzern niedergeschlagen wurde, kam da jemand auf die Idee selbstgerecht zu sagen: »Ja ja, die Revolution frisst ihre Kinder«? Oder waren da die Fronten klar, und man konnte zwischen aufständischer Bevölkerung und gewaltsamer Reaktion unterscheiden? Weil der Feind der Aufständischen der eigene Feind war? 1989 hätte sich ein Großteil der Menschen in der DDR bereits mit einer Reform ihres Landes zufrieden gegeben. Die herrschende Klasse der BRD setzte jedoch den Zusammenschluss durch und feierte sich mit dem Mauerfall selbst. In der Zeit danach machte sich Ernüchterung breit und ein Großteil der alten Nomenklatura gegen die ursprünglich aufbegehrt wurde, besetzte wieder die maßgeblichen Posten im Lande. Als dann im Osten die Wunderwirkung des Kapitalismus ausblieb, führte das jedoch nicht dazu, dass man das eigene System in Frage gestellt hätte.

Nach den bürgerlichen Revolutionen



Der etwas larmoyante Ausspruch Vergniauds fiel gegen Ende einer bürgerlichen Revolution, die sich tot gelaufen hatte. Die im Aufsteigen begriffenen Kapitalisten hatten die gesellschaftlichen Veränderungen bekommen, die sie wollten. Das damit einhergehende Blutvergießen wurde von ihnen bereitwillig akzeptiert, Robespierre wurde abserviert. Dass vorher noch die Girondisten als ihre eigene, politische Vertretung dran glauben mussten, ist eine erfreuliche Ausnahme. Die bourgeoisen Revolutionen haben jedoch mit der Durchsetzung des Kapitalismus als vorherrschendes Wirtschaftssystem ein Ende gefunden. Der nunmehrige Gegensatz besteht zwischen Arbeiterklassen und Kapitalisten, und so orientieren sich die möglichen Verläufe stattdessen auch an Entsprechendem aus der Vergangenheit.

Die ursprünglich erfolgreiche Russische Revolution blieb letzten Endes isoliert. Durch einen langen Bürgerkrieg wurde die russische Wirtschaft zum Erliegen gebracht, die einzelnen Arbeiterinnen und Arbeiter waren jetzt mit dem Überleben von Tag zu Tag beschäftigt. Für demokratische Entscheidungsfindung fehlte die soziale Grundlage, nämlich die lebendige Kooperation der Belegschaften in den Betrieben und deren demokratische Arbeit in den Sowjets. Die Sowjets degenrierten und Bürokraten übernahmen zunehmends die Macht im Staat. Mit Stalins totaler Machtergreifung, die mit dem ersten Jünfjahresplan ihre Vollendung fand, hatte die Konterrevolution gesiegt und Russland spielte fortan nach den Regeln des Kapitalismus, allerdings eines büroktratischen Staatskapitalismus. Die forcierte Industralisierung und die Auslöschung praktisch aller politisch bedeutenden Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Revolution kostete Millionen Menschen das Leben.

Die Arbeiterrevolution die das hätte verhindern können, scheiterte und wird seither totgeschwiegen. Dabei wären die Voraussetzungen 1918 in Deutschland günstig gewesen. Wie schon in Frankreich 1871 war der Staat materiell und ideologisch am Ende. Große Teile der Armee sympathisierten mit den Interessen der Arbeiterklasse. Taktische Fehler der Linken ermöglichten jedoch den Sieg der Faschisten, zu denen das herrschende System Zuflucht suchte.

Alle in einem Topf



Die Behauptung »Die Revolution frisst ihre Kinder« ist eine ignorante Äußerung, die jegliche geistige Anstrengung zu vermeiden trachtet. Nachdem man alle Beteiligten ungeachtet ihrer Rolle in einen Topf geworfen hat, kann man selbstgerecht mit dem Finger auf die Revolution zeigen und den Unterdrückten die Schuld für erlittene Brutalitäten geben. Sie ist ein Aufruf zur Kapitulation, dem die Überzeugung inne wohnt, dass sich die herrschenden Verhältnisse ohnehin niemals ändern lassen. Jedoch frisst nicht die Revolution ihre Kinder, sondern ihre Niederlage und die folgende Konterrevolution. So ist es in der Sichtweise der kapitalistischen Medien logisch, dass ein Streit zwischen zwei südafrikanischen Gewerkschaften, dazu führt, dass die Polizei mit Billigung der Regierung 34 Menschen erschießt. Zynisch zu Ende gedacht, könnte man jetzt sagen, der »Sieg über das Apartheidsregime« frisst seine Kinder. Tatsächlich geht es jedoch um das kapitalistische System, das unter dem Druck der Menschen seine Fassade geändert hat. Notwendig ist, den Druck weiter aufzubauen, und es endgültig zum Einstürzen zu bringen.


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