»Euer Regime ist euer Kampf!« |
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David Albrich sprach nach den ägyptischen Präsidentschaftswahlen mit der Journalistin und revolutionären Sozialistin Gigi Ibrahim über das Ringen zwischen Revolution und der Armee, die Muslimbruderschaft und Internationalismus. David Albrich: Nach der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen berichtete Ahram auf ihrer englischen Website, dass der Oberste Rat der Streitkräfte (SCAF) ihren Kandidaten Ahmed Shafik als den Gewinner verkünden würde. Zwei Tage später ernannten sie Mohammed Mursi von der Muslimbruderschaft (MB) zum neuen Präsidenten. Warum diese Kehrtwende? Gigi Ibrahim: Gleich nach dem Ende der zweiten Runde der Wahlen berichtete jeder Distrikt seine endgültige Stimmauszählung sowohl einem Richter als auch zwei Stellvertretern der politischen Lager. Wir hatten also einen allgemeinen Überblick wer bei den Wahlen vorne lag. Die Muslimbruderschaft sammelte alle Ergebnisse und gab zwei Tage nach den Wahlen eine Broschüre heraus, die Mursi als Sieger verkündete. Die summierten Zahlen ergaben, dass Mursi mit 1% in Führung lag, der Unterschied betrug eine Million Stimmen. Das Wahlkomitee sollte die offiziellen Endergebnisse am Mittwoch veröffentlichen, aber dann verschoben sie die Verkündung auf Sonntag. Während dieser fünf Tage behaupteten beide Lager, die Shafik- und Mursi-Kampagne, sie hätten gewonnen. Panik breitete sich aus; Unterstützer beider Lager feierten für sich. Und das war auch der Zeitpunkt als Ahram und andere Medien ihr Lager zum Sieger erklärten. Alle warteten auf die Endergebnisse am Sonntag. Und Mursi war der Sieger. Tatsächlich änderten sich die Zahlen nach Einbeziehung der Wahlanfechtungen lediglich um ein paar Tausend – der Abstand zwischen Mursi und Shafik betrug immer noch eine Million Stimmen. Aber der Militärrat ist an der Macht und hätte Shafik einfach zum Gewinner erklären können. Warum haben sie nicht...? Natürlich, und das war die Überraschung für viele Leute, einschließlich für mich selbst. Ich war 100-prozentig sicher, dass die Armeeführung den Weg für Shafik ebnen würde: Sie löste das Parlament auf, gab sich selbst noch mehr gesetzgebende Befugnisse, und so weiter. Shafik war offenkundig der Mann der Militärs und der Konterrevolution. SCAF wäre mächtig genug gewesen, zu tun, was auch immer sie gewollt hätten. Niemand anderer hat so viel Macht – außer die Menschen auf der Straße. Das Wunderbare an der Sache, und das ist ein wahrer Erfolg für die Revolution, ist, dass der Militärrat das Risiko nicht eingehen konnte, obwohl er die Macht hatte, die Wahlen zu fälschen. Sie fürchteten die Reaktion der Massen! Die Revolutionäre und jene, die diese Revolution machten, ließen keinen vollständigen Staatsstreich von der Armee und dem Kandidaten der Konterrevolution zu. Sie wussten, dass das Volk eher die an Popularität verlierende, opportunistische Muslimbruderschaft wählen würden, als das alte Mubarak-Regime zurückzuholen. Kannst du die Szenen in den Straßen beschreiben, als klar war, dass Mursi gewonnen hat? Wie war die Stimmung unter den Menschen? Unmittelbar nach dem Ergebnis – genau genommen war es noch gar nicht vollständig, aber als sie verlautbarten »Shafik: 48%« bedeutete das Mursi würde knapp 52% bekommen – konnte ich in meiner Wohnung in Nasr-Stadt (eine Mittelklasse-Gegend in Kairo) Gesänge, Feuerwerke, Gewehrschüsse und jubelnde Menschen hören. Wir feierten vier, fünf Tage lang, Menschen strömten auf die Plätze, hupten in ihren Autos. Frauen mit Schleier und Niqab, christliche und liberale Frauen, Familien mit ihren Kindern, alte und junge Männer; alle waren draußen auf den Straßen. Aber das eigentlich Interessante war, dass mehr Menschen die Niederlage Shafiks feierten, als den Sieg Mursis. Das ist unglaublich wichtig: Die Mehrheit des Volkes, die für Mursi stimmte, unterstützte ihn nicht. Sie wollten gegen Shafik stimmen, weil sie nicht wollten, dass er gewinnt, obwohl das bedeutete die MB zu bekommen, die nicht sehr populär ist. Es war dennoch ein Erfolg für die Revolution. Du bist bei den Revolutionären Sozialisten (RS), die eine sehr klare Analyse des Klassencharakters der MB haben. Wie drückt sich das in eurer Praxis aus, wann arbeitet ihr mit ihrer Basis zusammen, wann verteidigt ihr Mursi (z. B. wenn ihn die Konterrevolution attackiert)? Das ist nicht so einfach. Ich denke, der Aufstieg der Islamfeindlichkeit überall auf der Welt ist eine gefährliche Falle, wenn du anfängst Muslime zu attackieren bloß weil sie Muslime sind. Das ist besonders für Revolutionäre gefährlich. Die Konterrevolutionäre hassen jeden, der sich ihnen in den Weg stellt, egal ob sie Muslime sind oder nicht. Natürlich sind sie hauptsächlich gehobene Bürgerliche, die sich um ihr Bier und ihre Bikinis sorgen machen und sich vor den »Monstern« fürchten, die ihnen das Bier und die Bikinis wegnehmen könnten – was die MB übrigens niemals eingefordert hat und auch niemals tun wird, weil es wesentlich gegen ihre Geschäftsinteressen ginge. Abgesehen davon war der Standpunkt der RS sehr klar, nämlich dass wir manchmal mit den Islamisten, aber niemals mit dem Staat sein würden, z. B. wenn sich die MB gegen die Konterrevolution und gegen die Armeeführung stellt. Die Aufgabe für uns Revolutionäre war es, Mursi zu ertragen und ihn zu befürworten, allerdings nicht weil er ein großer Revolutionär wäre und ohne die Illusion zu haben, dass die Bruderschaft irgendwelche Forderungen der Revolution erfüllen würde. Deren Programm ist augenscheinlich neoliberal und gegen die Arbeiterklasse. Allerdings nicht reaktionär in dem Sinn, dass sie für die Unterdrückung der Frau wären. Nein, nein, nein, nein! Das geht viel tiefer: Es geht mehr um eine klassenbasierte Unterdrückung als um das Geschlecht oder Religion. Es hat wirklich nichts mit Religion zu tun. Du kannst immer wieder viele gläubige Aktivistinnen und Aktivisten sehen, z. B. Niqabi (verschleierte Frauen) oder Sheikh (religiöse Führer), die sehr militant und führend im Klassenkampf sind, ungeachtet der Ikhwan- und Salafisten-Spitze, die ihnen erzählen Streiks wären verboten, gegen Gott, und so weiter. Es war klar für uns, dass wir diesen Weg gehen müssen, obwohl er unter vielen säkularen Linken und liberalen Revolutionären unbeliebt war. Wir werden unsere Position weiter stark vertreten, weil sich unsere Theorie im Wesentlichen in den nächsten Monaten bestätigen wird und Leute mit uns übereinstimmen werden. Es ist für die meisten zum jetzigen Zeitpunkt einfach noch nicht zu erkennen. Wir haben bereits über die Islamfeindlichkeit gesprochen. Bei verschiedenen Gelegenheiten hören wir in Europa das Echo »Jetzt kommt die Sharia«, »Nun werden die Frauen unterdrückt«, etc. Auf der anderen Seite können wir immer Frauen an vorderster Front der Revolution sehen. Wie passt das zusammen? In Ägypten, und ich glaube, das trifft anderswo genauso und nicht nur in revolutionären Epochen zu: Es spielt keine Rolle welcher Religion du angehörst, welche Kleidung du trägst, ob du deinen nackten Körper zeigst oder ihn vollständig bedeckst, ob du einen Vollschleier oder nur einen halben trägst, ob du deinen Kopf rasierst oder deine Haare lang hast oder du sie dir färbst. Alle diese Dinge sind mehr oder weniger belanglos. Auf was es ankommt, ist wo du politisch stehst – und das besonders in revolutionären Umbrüchen. Da gab es eine vollverschleierte Frau, die in der ersten Reihe gegen das Militär kämpfte, Tränengasgranaten zurückwarf und sich militant gegen diesen repressiven Staat warf. Ja, natürlich ist diese Frau nicht unterdrückt – offensichtlich – sondern sie befreit sich selbst inmitten einer ganzen Klasse. Ich würde ohne zu zögern auf ihrer Seite stehen. Egal ob sie christlich, alt, jung, ein Mann, eine Frau, schwul oder sonst was ist – ich würde sie unterstützen. Unabhängig davon, ob es Revolutionäre in der MB oder unter den Salafisten sind, die den kämpferischen Sit-In vor dem Verteidigungsministerium anführten und brutal von der Polizei angegriffen wurden, waren wir eine der wenigen organisierten linken Kräfte, die sie an vorderster Front unterstützt haben. Mehrmals kamen Jugendliche zu uns und meinten: »Es tut uns leid, wir wussten nicht wer ihr seid. Wir grüßen euch, dass ihr hier mit uns steht!« Wenn uns deren Führung das nächste Mal attackiert, ist genau das die Jugend, die uns gegen ihre Anführer verteidigt: »Nein, das sind die Revolutionären Sozialisten, die mit uns gemeinsam gekämpft haben!« Es geht wiederum nicht um das Geschlecht, weil du sowohl Frauen als auch Männer unter ihnen finden wirst, Schiiten und Christen, etc. Frauen, junge Menschen und sogar Kinder kämpfen gegen die Unterdrückung und Ungerechtigkeit auf dem Schlachtfeld der Plätze und Universitäten. Wir sahen diese heldenmütigen Straßenkämpfer, das war sehr beeindruckend. Jetzt konzentriert ihr euch auf die Parole »Tahrir und Fabrik – eine Hand«. Was meint ihr damit? Da gab es ein Missverständnis während der 18 Tage der Revolution, als Bilder und Slogans wie »Facebook-Revolution« verbreitet wurden und die Idee vertreten wurde, dass die Menschen einfach an einem Platz zusammenkamen und das den Diktator stürzte. Es war viel mehr als das. Selbstverständlich besetzten die Leute die Plätze in ganz Ägypten, nicht nur am Tahrir, und kämpften so hart und ausdauernd gegen die Polizeikräfte. Aber in den letzten vier Tagen vor Mubaraks Sturz begann sich eine Streikwelle von den Fabriken und vom öffentlichen Transportwesen aus über das ganze Land auszubreiten. Sie unterstützten die Forderungen des Tahrir und der Revolution, Mubarak solle abtreten. Das war genau der Zeitpunkt an dem das Regime dem Druck nicht länger standhielt, also opferten sie Mubarak um das System zu retten. Und das ist es auch, weshalb die Revolution nicht vorbei ist: Das System ist immer noch da, nur der Diktator ist weg. Um die restlichen Forderungen der Revolution zu erreichen versuchten es die Menschen mit der gleichen Strategie: »Lasst uns auf den Tahrir-Platz gehen, besetzen wir ihn, und dann werden wir Erfolg haben«. Allerdings waren sie damit nicht erfolgreich. Warum? Weil es keine Massenstreiks wie in den 18 Tagen der Revolution gab. Die 18 Tage waren eine wahre Massenrevolution in den Straßen und Fabriken. Alles stand still. Also nur durch die Organisation von Massenstreiks könnte so etwas wieder passieren. Leute, vor allem in der Occupy-Bewegung, die von den Platzbesetzungen wie am Tahrir inspiriert wurden, vergessen komplett auf die Koordination und Verbindung zwischen der Tahrir-Besetzung und den Streiks in den Fabriken. Eben deshalb haben wir die Parole aufgestellt. Das System werden wir nicht stürzen, wenn wir dazu auf Facebook aufrufen, oder mit der bloßen Willenskraft der Menschen auf den besetzten Plätzen. Es werden Massenstreiks sein, die das System brechen, und das Volk, das die Macht übernimmt. Das führt mich zu meiner letzten Frage. Was können wir tun, um die Revolution zu unterstützen? Das Beste, um die Revolution in Ägypten oder anderswo zu unterstützen, ist Solidarität. Nichts ist mehr ein Akt der Solidarität, als wenn ihr euer eigenes System stürzt. Ihr müsst für eure eigene Revolution kämpfen! Es kommt nicht darauf an, ob du in London, Schweden oder Serbien, etc. bist. Der Punkt ist: Euer System ist euer Kampf, euer Regime ist euer Kampf, eure Regierung ist euer Kampf und niemand weiß besser was zu tun ist, als die Menschen in eurem Land. Wie das gehen kann? Organisiert euch – hier beginnt es. Bildet euch politisch, und dann habt ihr das Instrument die Arbeiterklasse zu organisieren, die die Macht besitzt, das kapitalistische System zu stürzen und die Weltrevolution zu machen. |
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