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Staatsgewalt | Geschichte | Revolution | Frankreich
Juli/August - 2012 (Di. 19.06.12) Debatte im Jakobinerklub über Frieden oder Krieg gegen Österreich und Preußen im Januar 1792. Stich nach einer Zeichnung von Vilette Fanatismus, Terror, Hinrichtungen – das sind Begriffe, die mit den Jakobinern, der treibenden Kraft in der französischen Revolution, vorrangig in Verbindung gebracht werden. Zum einen mag dies an einer schlaglichtartigen Geschichtsbetrachtung liegen, die es nicht interessiert, was vorher und nachher war. Zum anderen dürften Bürgerliche peinlich berührt sein von der Radikalität, mit der die spätere Bourgeoisie ihre Interessen gegen die herrschende Ordnung durchsetzte. Es zahlt sich jedenfalls aus, die soziale Lage vor der Revolution zu betrachten. Bauern und Arbeiter wurden von Adel und Kirche ausgepresst. Wenn die Ernte unterdurchschnittlich war, dann verhungerten sie. Die Lage der afrikanischen Sklaven war noch schlimmer. Falls sie den Transport nach Frankreich überlebten, wurden sie von früh bis spät geschunden oder zu Tode gefoltert. Ein Drittel der Neugeborenen wurde von den Hebammen umgebracht, um ihnen das Leben in französischen Kolonien zu ersparen. Nach dem Sturm auf die Bastille leistete der König Lippenbekenntnisse gegenüber der neuen Ordnung, während er für die Konterrevolution warb. Sein Fluchtversuch beschädigte sein Ansehen in der Öffentlichkeit. Manch Bürgerlicher fürchtete jedoch um den eigenen Status, wie zum Beispiel Antoine Barnave: »Wollen wir die Revolution beenden oder wollen wir von neuem mit ihr beginnen? […] Mit noch einem Schritt voran würden wir Unheil und Schuld auf uns laden, ein Schritt weiter auf dem Weg der Freiheit wäre die Zerstörung des Königtums, ein Schritt weiter auf dem Wege der Gleichheit wäre die Zerstörung des Eigentums.« Ein Unbehagen, das auch heute Widerhall findet, wie zum Beispiel in der populären Zeichentricksendung »Es war einmal der Mensch«. Dort tritt der Protagonist als Stimme der Vernunft für die bloße Verbannung des Königs anstatt seiner Hinrichtung ein. Rosa Luxemburg meinte dazu: »Die liberale Seichtheit der Geschichtsauffassung brauchte natürlich nicht zu begreifen, daß ohne den Umsturz der »maßlosen« Jakobiner auch die ersten zaghaften und halben Errungenschaften der ersten girondistischen Phase alsbald unter den Trümmern der Revolution begraben worden wären, daß die wirkliche Alternative zu der Jakobiner-Diktatur […] nicht die »gemäßigte« Demokratie war, sondern Restauration der Bourbonen! Der »goldene Mittelweg« läßt sich eben in keiner Revolution aufrechterhalten.« Der berüchtigtste Jakobiner Robespierre ist bekannt für Nachdenklichkeit und Einsicht. Inmitten der Kriegsbegeisterung gegen Preußen und Österreich, drei Jahre nach dem Sturm auf die Bastille, meinte er: »Die ausgefallenste Idee, die im Kopf eines Politikers entstehen kann, ist die Vorstellung, es würde für ein Volk genügen, mit Waffengewalt bei einem anderen Volk einzudringen, um es zur Annahme seiner Gesetze und seiner Verfassung zu bewegen. Niemand mag die bewaffneten Missionare.« 1791 geißelten die europäischen Großmächte die neue polnische Verfassung ob ihrer jakobinischen Prinzipien. Bereits 1848 konnte Marx feststellen: »Und was hatte sie proklamiert, die polnische Verfassung von 1791? Nichts anderes als die konstitutionelle Monarchie: die gesetzgebende Gewalt in den Händen der Vertreter des Landes, Preßfreiheit, Gewissensfreiheit, Öffentlichkeit der Gerichtsverhandlungen, Abschaffung der Leibeigenschaft etc. Und das alles nannte sich damals reinstes Jakobinertum! Sie sehen also, meine Herren, die Geschichte ist vorwärtsgeschritten. Was damals Jakobinertum war, ist heute zum Liberalismus, und zwar in seiner allergemäßigtsten Form, geworden.« von Peter Herbst Zu allen Artikeln dieser Ausgabe Weiterführender Artikel:
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