Rating-agenturen: Zwitter zwischen Markt und Staat

Februar - 2012
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Ist die Macht der Ratingagenturen grenzenlos? Thomas Walter schildert, was es mit diesen Institutionen auf sich hat.

Immer wieder gibt es Aufregung um die Ratingagenturen. Was sind das für Institutionen, die noch vor ein paar Jahrzehnten völlig unbekannt waren? Ihr Aufstieg hängt eng mit dem Neoliberalismus zusammen. Sie sind Teil der neuen Finanzarchitektur, die sich ab den 1980er Jahren weltweit herausbildete. Hintergrund war, dass das Wirtschaftswachstum mehr und mehr erlahmte. Es konnte nur noch über Schulden künstlich aufrechterhalten werden. Zuerst verschuldeten sich die Staaten in der Hoffnung, dass so die Privatwirtschaft angekurbelt werden könnte. Diese Hoffnung wurde enttäuscht.

Privatisierung der Schuldenpolitik



Die neue Finanzarchitektur versuchte die Schulden zu privatisieren. Die Liberalisierung der Finanzmärkte schuf die Möglichkeit Kredite weltweit zu vergeben. Die »Verbriefung« von Krediten machte es möglich Kredite wie Wertpapiere weiterzuverkaufen. Aber welche andere Bank wollte solche verbrieften Kredite kaufen?

Im Auftrag des Staates



Diese Probleme sollten von den Ratingagenturen gelöst werden. Diese würden die Kreditwürdigkeit von Staaten, Unternehmen und Wertpapieren benoten. Die Banken wüssten dann, wie sie mit welchem Risiko investieren könnten. Allerdings glaubt keine Bank so einfach einer Ratingagentur. Deshalb wurden die Ratingagenturen staatlich anerkannt. Den Banken wurde gesetzlich vorgeschrieben, gemäß welcher Ratings sie wie viel von welchen Papieren halten dürfen. Je besser das Rating einer Geldanlage, desto weniger Geldreserven müssen die Banken dafür vorhalten. Der Staat, dem man vor die Tür gewiesen hatte, stieg hinten zum Fenster wieder herein. Ratingagenturen sind staatlich anerkannte Institutionen, die privatwirtschaftlich gewinnorientiert arbeiten. Für ihre Ratings verlangen sie Geld. Irrt sich eine Ratingagentur, kann sie nicht einfach auf Schadensersatz verklagt werden.

Interessenkonflikt



Zur Bewertung eines Unternehmens greifen sie nicht wie eine Wirtschaftsprüfergesellschaft auf interne Daten zu, sondern verwenden einfach nur die Daten, die die Unternehmung freiwillig zur Verfügung stellt. Dazu kommt, dass die Ratingagenturen versuchen, die Ratings an genau jene Unternehmen zu verkaufen, deren Kreditwürdigkeit sie bewerten sollen. Dass hier für die Ratingagentur ein »Interessenskonflikt« besteht, ist auch schon Mainstream-Ökonomen aufgefallen. Der Ratingmarkt funktioniert inzwischen so, dass praktisch Käufer nur noch über sich selbst Ratings kaufen, wenn sie einen Kredit brauchen.

Freier Wettbewerb«? Fehlanzeige!



Wie viele Märkte im Kapitalismus ist auch der Ratingmarkt hoch konzentriert. Die drei großen Ratingagenturen S&P, Moody‘s und Fitch kontrollieren 90% dieses Marktes. Das ist kein Wunder: Denn je größer eine Agentur, desto gewichtiger ihre Ratings. Außerdem erkennen staatliche Stellen wie die Europäische Zentralbank nur Ratings dieser großen Agenturen an. Erklären lässt sich das Phänomen der Ratingagenturen nur dadurch, dass es darum ging, Kredite, also Verschuldung, immer weiter auszudehnen. Nur so konnte die Wirtschaft weiter wachsen. Das Risiko wurde auf viele Schultern verteilt, wie es so schön hieß. Keiner – weder die Banken noch die Ratingagenturen oder der Staat – war mehr so richtig verantwortlich.


Thomas Walter lebt in Berlin und ist Mitglied der LINKEN.
Dies ist eine gekürzte und abgeänderte Version eines im »Marx21« erschienen Artikels. Original online auf:
marx21.de/content/view/1606/32

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