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Österreich | Wirtschaft | Kultur

Februar - 2012    
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Ein Kommentar zum Umbau des Wiener Westbahnhofs von Martin Maurer

Seit einigen Monaten erstrahlt der Wiener Westbahnhof in neuem Glanz. Die denkmalgeschützte Bahnhofshalle bekam links und rechts zwei Zubauten mit Büro- bzw. Hotelnutzung. Darunter kann in einem neuem Tiefgeschoss dem Kaufrausch gefrönt werden.

Bei den Wienerinnen und Wienern sowie bei Städtebau- und Architekturinteressierten findet der Bau wenig Anklang. In Internetforen und Zeitungskommentaren wird die »Bahnhof-City Wien West« zerpflückt: Manche bezeichnen sie dank der Metallfassade als Wellblechhütte, andere tauschen Tipps aus, wie der Westgürtel befahren werden kann, ohne das Sichtfeld durch den Westbahnhof-Komplex zu beschmutzen. In Anlehnung an Harald Sicheritz Komödie »Muttertag«, die das Leben in der Siedlung »Am Schöpfwerk« behandelt, wird dem Architekten der Tod gewünscht.

Geschmackssache?



Architektur ist Geschmackssache, entgegnen jene, die den Umbau befürworten. Damit haben sie aber nur zum Teil recht. Die äußere Gestaltung mag tatsächlich Geschmackssache sein, einige loben die innovative Metallfassade, andere denken an eine Wellblechhütte.

Einige Mängel des Umbaus sind aber sicher keine Geschmacksfrage: Die Überproportionalität der flankierenden Neubauten, die die historische Bahnhofshalle förmlich erdrücken, einzwängen und verdecken; damit einhergehend die schlechte Belichtung von Teilen der Neubauten; die monofunktionale Nutzung mit Büro, Shoppingcenter und Hotel; die fehlende Integration des U-Bahn-Abgangs in der Äußeren Mariahilfer Straße; die uninspirierte Freiraumgestaltung sowie unattraktive Erdgeschosszonen entlang des Gürtels.

Profitinteressen



Abseits von Geschmacksfragen gibt es also eine ganze Reihe von architektonischen und städtebaulichen Missgriffen. Doch den Architekten die Schuld zu geben, greift zu kurz.

Der Grundstückseigentümer ÖBB muss durch die Vermietung und den Verkauf von möglichst vielen Quadratmetern Nutzfläche seine Bilanzen aufbessern. Damit wurde eine Entwicklung eingeleitet, wonach sich der Planungsprozess an der Prämisse des maximalen Ertrages orientiert, dies führte zum Druck, das Grundstück mit möglichst vielen Quadratmetern für Shopping-, Büro- und Hotelnutzung zu bebauen. Eine attraktive und durchgrünte Freiraumgestaltung bringt ebenso wenig Mieteinnahmen wie eine größere Sensibilität im Umgang mit historischer Bausubstanz. Woraus wenig bis kein Profit generiert werden kann, bleibt damit auf der Strecke.

Beim Städtebaulichen Wettbewerb gaben die Architekten Neumann & Steiner einen Entwurf ab, der gegenüber dem gebauten Ergebnis mehr Sensibilität beweist: Die flankierenden Bauten sollten ursprünglich auf Stelzen ruhen, so dass die Bahnhofshalle von der Inneren Mariahilfer Straße aus sichtbar bleibt. Im Zuge des Planungsprozesses verlangten die ÖBB mehrmals Änderungen des ursprünglichen Entwurfes, damit der, durch die Immobilienentwicklung erzielbare Profit erhöht werden kann. Zugunsten der Maximierung der vermietbaren Fläche, gerieten städtebauliche und architektonische Qualitäten aus dem Blickfeld. Aus Sicht der Branche der Immobilienentwicklung wurde damit alles richtig gemacht, weshalb der Umbau auch mit dem Diva-Award, dem Oscar der Immobilienwirtschaft, ausgezeichnet wurde.

Machtlose Architektur



Die Architektur kann zwar versuchen, das Schlimmste zu verhindern, sie kann sich aber nicht gegen die Interessen der profitorientierten Bauherren stemmen. Das Ergebnis ist dann oft ein städtebauliches Desaster, wie am Westbahnhof, wo viele den Bahnhof vor lauter Shopping-City nicht mehr sehen.

Ganze Stadtteilentwicklungen werden heute immer weniger politisch-kommunal geregelt, sondern dem Gutdünken gewinnorientierter Immobilienkonzerne überlassen. Gebaut wird daher nicht für die Bedürfnisse der Menschen, sondern gemäß Profitüberlegungen. Die Architektinnen und Architekten sind demgegenüber oft machtlos und müssen vielfach Gebäude planen, die ihnen selbst nicht gefallen.

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