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Jänner/Februar - 2012 (Do. 12.01.12)    
       



Linker Lesetipp: Eine Geschichte von Faszination und Verachtung



Dieses Buch nimmt den Leser / die Leserin mit auf eine spannende Reise durch die Geschichte der Wahrnehmung der Romavölker in Europa. Von mittelalterlichen Chroniken über Sagen und Legenden bis zu den Bildungsromanen des 19. Jahrhunderts und den Schriften, die an die Erfahrung des Holocaust erinnern, spannt sich der Bogen. Der Autor beschreibt kunstvoll die literarische Verwendung (meist Ausbeutung) der »Zigeuner« von Shakespeare bis Victor Hugo, von Cervantes bis Puschkin. Dabei wird klar, dass – ähnlich wie es mit dem »Orient« geschehen ist – Literatur und später Wissenschaft ein Bild der »Zigeuner« geschaffen haben, das mit dem tatsächlichen Leben der Betroffenen nur indirekt zu tun hat. Bei der ersten dokumentierten Ankunft von Roma-Gruppen vor den Toren der europäischen Städte im 15. Jahrhundert wurde versucht sie in das damalige Koordinatensystem einzufügen. Auffallend dabei ist, dass sie zuerst oft als Pilger aus Ägypten angesehen wurden und manchmal freundlich aufgenommen wurden. Das änderte sich aber schon bald dramatisch. Denn man verdächtigte sie, den christlichen Werten entgegenzustehen, Zauberei zu betreiben oder für die türkischen Heere zu spionieren. Die nomadische Lebensweise und die schriftlose Kultur der Roma gerieten schnell in Konflikt mit der Entwicklung von »nationalen« Staatsgebieten und später mit dem Fortschrittsglauben der Mehrheitsbevölkerung. Liest man die Vertreibungs- und Bestrafungsgesetze gegen Roma aus dem 16. und 17. Jahrhundert, wundert man sich fast, dass sie nicht schon damals physisch ausgerottet wurden. Im Gegensatz zu den Juden, denen man einen – wenn auch unterdrückten und ständig gefährdeten – Platz in der Gesellschaft einräumte, standen die Roma völlig außerhalb. Im 18. und 19. Jahrhundert sorgte die Aufklärung dafür, dass die Roma »erforscht« wurden, ähnlich den fremden Völkern in Afrika, Asien und Amerika. Ihre Herkunft aus Indien wurde festgestellt, ihre eigene dem Sanskrit verwandte Sprache »entdeckt«. Bis dahin glaubten noch viele, die »Zigeuner« bestünden aus zusammengelaufenen Bettlern, Dieben und Landstreichern und seien mehr so etwas wie kriminelle Organisationen als ein Volk. Doch in der Kunst hielt sich weiter das Bild von den diebischen, unzivilisierten Kreaturen, die ethnisch nicht in der Lage sind, sich der »Zivilisation« anzupassen.

Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3-518-42263-2
www.suhrkamp.de

von Tom D. Allahyari

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