Im Kampf um Brot und Rosen

Jänner/Februar - 2012 (Do. 12.01.12)
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Vor hundert Jahren, im Jänner 1912, erschütterte ein Streik von unterbezahlten Textilarbeiterinnen die US-amerikanischen Herrschenden. Judith Orr blickt auf dieses Ereignis und seinen Einfluss auf die Arbeiterbewegung zurück.

Der zehnwöchige Streik, der im Jänner 1912 begann und vor allem von Frauen geführt wurde, erhielt seinen Namen von einem Slogan auf einem Schild: »Wir wollen nicht nur Brot, sondern auch Rosen!« Die Arbeiterinnen kämpften gegen eine Lohnkürzung der American Woolen Company – aber sie verlangten auch Würde. Entgegen aller Erwartungen gewannen sie beides. Ihr Sieg wurde zu einer Inspiration für Arbeiterinnen und Arbeiter in den USA und der ganzen Welt.

Die Textilarbeiterinnen des Werks in Lawrence gehörten 28 verschiedenen Nationen an und sprachen 45 verschiedene Sprachen. Die Hälfte von ihnen waren Mädchen zwischen 14 und 18 Jahren. Sie waren nicht gewerkschaftlich organisiert und schlecht bezahlt.

Tödliche Verhältnisse



Elizabeth Shapleigh, eine Ärztin aus der Region, bemerkte: »Eine erhebliche Anzahl von Burschen und Mädchen sterben in den ersten zwei bis drei Jahren nachdem sie ihre Arbeit antraten. Von 100 Männern und Frauen, die im Werk arbeiten, sterben 36 vor Erreichen des 26. Lebensjahres.« Das Durchschnittseinkommen lag bei neun Dollar, und Miete für die überfüllten Holzschuppen oder Firmenunterkünfte konnte bis zu 6 Dollar betragen.

Die wichtigste Gewerkschaft in den USA zu dieser Zeit war die American Federation of Labor, die – vorwiegend weiße und männliche – gelernte Arbeiter organisierte. Die Fabrikarbeiterinnen und -arbeiter sah man als nicht organisierbar an. Trotzdem kam es im Jahrzehnt vor dem ersten Weltkrieg zu riesigen Streiks die von armen Einwanderern geführt wurden.

Der Kampf in Lawrence begann, als die American Woolen Company den Lohn der Frauen herabsetzte, weil ein neues Gesetz eine Höchstarbeitszeit für Frauen eingeführt hatte. Die ersten, die den niedrigeren Lohn ausbezahlt bekamen, war eine Gruppe polnischer Weberinnen. Aufgebracht hielten sie ihre Webstühle an und marschierten unter Rufen von »Zu wenig Lohn!« aus der Halle.

Am darauffolgenden Tag legten Arbeiterinnen eines anderen Werks die Arbeit nieder. Tausende schlossen sich dem Streik an. Am ersten Tag hatten 10.000 Arbeiter und Arbeiterinnen gestreikt, am zweiten waren es schon 25.000.

Die Streikenden versammelten sich und beschlossen, sich mit der Bitte um Unterstützung an die Industrial Workers of the World (IWW), auch als Wobblies bekannt, zu wenden. Sozialisten, Anarchisten und radikale Gewerkschafter hatten die IWW 1905 gegründet. Hier waren alle willkommen – Einwanderer, gelernt oder ungelernt, Frauen und Männer – und vereinten sich mit dem Ziel, maximale Einigkeit in der Arbeiterklasse herzustellen. Die IWW sandte Joseph Ettor, einen ihrer erfahrensten Organisatoren, nach Lawrence. Innerhalb von 48 Stunden hatte dieser ein Streikkomitee von 50 Personen auf die Beine gestellt, in dem alle Nationalitäten vertreten waren.

Die Streikenden waren bestens organisiert – sie stellten einen fliegenden Streikposten, wo Streikende weiße Armbänder trugen, auf denen »Sei kein Streikbrecher« stand. Während der gesamten zehn Wochen, die der Streik andauerte, marschierten zu jedem Zeitpunkt bis zu 6.000 Menschen singend und rufend in einer Menschenkette durch Lawrence. Nachts wurden den Streikbrechern vor ihren Fenstern Ständchen dargebracht, sodass diese nicht schlafen konnten.

Landesweite Solidarität



Die Streikenden organisierten Nahrung und finanzielle Unterstützung für 50.000 Menschen und versorgten beinahe alle 86.000 Einwohner von Lawrence mit Essen. Verschiedene ethnische Gemeinschaften organisierten Suppenküchen, Lebensmittelverteilung und medizinische Versorgung. Nachdem die Streikenden um Unterstützung gebeten hatten, schickten Arbeiter aus allen Ecken der USA Geld und brachten so durchschnittlich 1.000 Dollar pro Tag zusammen.

Gewerkschafter aus New York und anderen Städten boten an, die Kinder der Streikenden bei sich aufzunehmen. 120 Kinder wurden im Februar nach New York geschickt. Eine Organisatorin des Kinderprojekts beschrieb später die Verhältnisse: »Von diesen 119 Kindern hatten nur vier Unterwäsche an. Ihre Überbekleidung war beinahe in Fetzen, ihre Mäntel total zerrissen.«

Aber die öffentliche Solidarität und der Widerstand wurden der Obrigkeit bald zu viel: Als Ende Februar wieder eine Gruppe von Kindern vom Bahnhof in Lawrence abreisen sollte, war dieser mit Polizei überfüllt. Die Polizisten rissen die Kinder von ihren Eltern weg. Ein Augenzeuge beschrieb wie die Polizei »uns mit ihren Knüppeln einkreiste, und – ohne einen Gedanken an die Kinder zu verschwenden, die Gefahr liefen zu Tode getrampelt zu werden – wild nach links und rechts schlug.« Festgenommene Frauen weigerten sich, Strafen zu bezahlen und bestanden darauf, inhaftiert zu werden, manchmal mit ihren kleinen Kindern im Arm. Der Staatsanwalt von Lawrence beschrieb es so: »Ein Polizist wird mit zehn Männern fertig, aber für eine Frau braucht es zehn Polizisten.«

Am 29. Jänner wurde die Arbeiterin Anno LoPizzo getötet, als die Polizei einen Streikposten durchbrach. Der IWW-Organisator Ettor und der italienische Sozialist und Dichter Arturo Giovannitti wurden verhaftet und wegen Beihilfe zum Mord angeklagt, obwohl sie zum fraglichen Zeitpunkt auf einer fünf Kilometer entfernten Versammlung waren. Sie verbrachten acht Monate ohne Prozess im Gefängnis, und wurden nur aufgrund einer Massenkampagne und eines eintägigen Streiks von 15.000 Arbeiterinnen und Arbeitern in Lawrence entlassen.

Sieg mit Vorbildwirkung



Am 12. März gaben die Bosse der American Woolen Company nach. Die Arbeiterinnen und Arbeiter erreichten Lohnerhöhungen von fünf bis elf Prozent. Sie bestanden darauf, dass die am schlechtesten Bezahlten am meisten dazugewannen. Der Sieg der Arbeiterinnen von Lawrence führte auch dazu, dass während der nächsten Monate andere Textilunternehmen Lohnerhöhungen gewähren mussten, um Gewerkschaftskampagnen und Streiks zu verhindern. Die Zeitung Detroit News schätzte, dass als indirekte Folge des Streiks in Lawrence insgesamt 438.000 Textilarbeiterinnen und -arbeiter 15 Millionen Dollar mehr Gehalt bekamen.

Dieser Streik brach den Bann: Er zeigte, dass ungelernte, unorganisierte Arbeiter – Männer und Frauen aller Nationen – sich vereinen und als Klasse kämpfen können.


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