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Jänner/Februar - 2012 (Do. 12.01.12)
Egal, wie viel (oder wenig) man über Magritte zu wissen glaubte: Die aktuelle Ausstellung in der Albertina ist ein Aha-Erlebnis für alle Besucher, schreibt Manfred Ecker.
Sie beginnt mit einer Provokation der gewöhnlichen Wahrnehmung: dem Bild einer Pfeife mit dem Titel »Das ist keine Pfeife«. Damit steigt man unmittelbar in die Welt des Surrealisten René Magritte ein. Die Kunst seit der Jahrhundertwende wollte sich nicht mehr an die engen Vorgaben und Konventionen halten, die ihr von der modernen bürgerlichen Welt oder von der reaktionären traditionellen Gesellschaft auferlegt wurden. Der Surrealismus ist eine radikal moderne Kunstrichtung. Besonders René Magritte (1898-1967) trug der modernen Erkenntnis Rechnung, dass nichts so ist, wie es oberflächlich erscheint. Unablässig fordert die Ausstellung unsere Betrachtungsgewohnheiten heraus. Gegen Ende der Ausstellung steht man wieder vor dem Bild der Pfeife, daneben eine Käseglocke, darunter das gerahmte Bild eines Stücks Käse; das Ganze trägt den Titel »Das ist ein Stück Käse«. »Wenn der Betrachter findet, dass meine Bilder dem gesunden Menschenverstand Hohn sprechen, wird er sich einer offensichtlichen Tatsache bewusst. Ich möchte aber trotzdem hinzufügen, dass für mich die Welt ein Hohn auf den gesunden Menschenverstand ist.« Marxistischer EinflussAlso: Einerseits ist das, was wir wahrnehmen nicht dasselbe wie die Realität, andererseits ist die Darstellung einer Wahrnehmung nicht zu verwechseln mit der Realität. Der Mensch sollte immer hinterfragen und sich nie auf seine Sinne verlassen. Das erinnert frappierend an Marx‘ Dialektik. Tatsächlich waren die Surrealisten sehr stark vom Marxismus beeinflusst. Und nicht nur das: Die russische Revolution gab der Welt das Gefühl, dass wir alle bisher bestimmenden Schranken aufheben können. Magritte allerdings hat mit dem führenden Surrealisten André Breton gebrochen, als sich die surrealistische Bewegung 1938 Trotzkis Vierter Internationalen anschloss. Aber zurück zur Ausstellung: Magritte wiederholte bestimmte Themen unablässig und interpretierte sie entweder komplett neu, oder malte eine (beinahe) exakte Kopie eines Werkes wie »Der Geschmack der Tränen« (1948), das ein Taube zeigt, die aus einem Blatt herauswächst und benagt wird. Der Pfeife begegnen wir in der Ausstellung immer wieder. Ein ganzer Raum widmet sich dem Motiv des blauen Wolkenhimmels. Einmal sehen wir den hellen Himmel über einem Haus bei Nacht in »Das Reich der Lichter« (1954). Kein GewöhnungseffektOft variiert er den Himmel zeitgleich als Himmel außerhalb des Raums, gleichzeitig als Abbild auf dem Fensterglas oder sogar auf den Scherben des zerbrochenen Fensterglases. Bilder beziehen sich oft auf frühere Bilder von ihm. Der Betrachter darf sich während der Ausstellung niemals mit einer Betrachtungsweise zufriedengeben. Er verwendet Bilder wie Worte, die in verschiedenen Zusammenhängen geäußert werden können. Von sich selbst behauptete Magritte, er sei mehr Philosoph als Maler und nutze Bilder, weil sie ihm geeignet erschienen seine Gedanken mitzuteilen. Dementsprechend hasste er es Porträts zu malen – also Abbilder einer Person. Das Portrait von Edward James, dem die Ausstellung ihren Titel verdankt – »Das Lustprinzip« – zeigt einen sitzenden Mann im Anzug und anstelle des Kopfes ein strahlendes Licht. Andere Porträts zeigen nur Mund und Augen, frei unter einem Hut schwebend. In der »Versuch des Unmöglichen« sieht man Magritte, wie er seiner Frau den noch fehlenden Arm hinzu malt. Magrittes Werke wurden und werden beständig aus ihrem historischen Kontext herausgenommen und ihrer Subversivität beraubt. Viele seiner Motive sind uns als Werbesujets bekannt, scheinen leicht verdaulich und einfaches Amüsement. Obwohl er sich immer sehr bürgerlich gab und kleidete, war Magritte ein Revolutionär, der provozierte, schockierte und verstörte. Allerdings erkennt man das bei der Betrachtung einzelner Bilder niemals so klar, als wenn man durch diese unvergleichliche Ausstellung wandert. 150 Exponate aus der ganzen Welt wurden zusammengetragen und bieten eine Gelegenheit, die niemand versäumen sollte. MAGRITTE bis 26. Februar 2012 Täglich 10 bis 18 Uhr Mittwoch 10 bis 21 Uhr Albertina Albertinaplatz 1, 1010 Wien www.albertina.at Zu allen Artikeln dieser Ausgabe |
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