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November - 2011 (So. 20.11.11)    
       


Mit aller Gewalt versucht die Regierung die Proteste zu unterdrücken. Aufgrund des gewaltsamen Vorgehens starb bereits ein 14-jähriger.
© JJCC

Studierendenproteste haben den Ruf sich manisch depressiv zu verhalten: immer schwankend zwischen Euphorie und Depression und niemals imstande einen Kampf länger durchzuhalten. In Chile sieht die Lage ganz anders aus. Seit sieben Monaten beherrschen Studierende, Schülerinnen und Schüler die Straßen – Bewegung wächst noch immer.

Seit April halten die Studierenden, Schülerinnen und Schüler bereits durch. Es ist eine Bewegung, die über die Monate das Verständnis dafür geschaffen hat, dass »ihre Sache« tatsächlich ein Anliegen aller ist. Deshalb bekommen sie nicht nur die Unterstützung der Lehrergewerkschaften und der Elternvereine, sondern auch von großen Teilen der Gewerkschaftsbewegung. Am 28. April 2011 gingen 8.000 Studierende auf die Straßen, am 12. Mai kam es zum landesweiten Streik für Bildung, am 9. August protestierten eine halbe Million Menschen – mit Beteiligung von Pensionisten und Werktätigen. Ähnlich wie in Spanien entstand mittlerweile eine Bewegung der »Indignados« (Empörten) mit Besetzungen öffentlicher Plätze und enorm breiten Netzwerken. Außerdem kam es zu noch ganz anderen Protestformen wie Hungerstreiks oder dem mittlerweile berühmten »Education-Thriller«. Außerdem wurden dadurch Bewegungen um andere Themen wiederbelebt, wie jene der indigenen Mapuche im Süden Chiles, die um ihre Grundrechte kämpfen sowie die Proteste gegen das Projekt eines Riesenstaudamms in Patagonien.

Erbe der Diktatur



Schließlich haben die Studierendenproteste auch der Gewerkschaftsbewegung einen notwendigen Impuls gegeben – die Forderung nach einer gerechteren Verteilung des Wohlstands wird wieder lauter. Das soll nicht heißen, dass in den vergangenen Jahren bzw. seit dem Ende der Diktatur Pinochets im Jahre 1989 kein Widerstand geleistet wurde. Trotz all der vereinzelten Kämpfe herrschte vielerorts das Gefühl, dass mit dem Erbe der Diktatur noch nicht völlig gebrochen wurde. Den Jugendlichen, weil sie erst nach Ende der Diktatur geboren wurden und von der harten Repression nicht betroffen waren, traut man es leichter zu mit dem Müll der Geschichte aufzuräumen.

1973 stürzte General Pinochet mit freundlicher Unterstützung der USA eines der hoffnungsfrohesten Projekte seiner Zeit, die Volksfrontregierung von Präsident Salvador Allende. Tausende Gewerkschaftsmitglieder und Linke wurden systematisch verfolgt, gefoltert und ermordet. Die berüchtigten »Chicago Boys«, eine Gruppe erzkonservativer Wirtschaftsmänner, strukturierten Chile nach ihren Vorstellungen um und starteten den ersten neoliberalen Feldversuch. Die öffentlichen Einrichtungen wurden soweit geschwächt wie möglich, Privaten wurde ermöglicht mit Bildung, Gesundheit und Sozialem ein Riesengeschäft zu machen. Nebenbei zerstörten sie all diese sozialen Einrichtungen nachhaltig. Bis 1973 war Chile für das hohe Niveau seiner öffentlichen und kostenlosen Bildung berühmt. Heute wird weniger als ein Viertel des Aufwands für Bildung vom chilenischen Staat bestritten. 70 Prozent der Studierenden müssen sich verschulden, mehr als die Hälfte der Studierenden brechen deswegen ihr Studium ab.

Erster Schritt getan



Dasselbe Muster findet sich natürlich in vielen anderen Bereichen: Pensionen, Gesundheit, öffentliche Information und Kunst, öffentliche Verkehrsmittel, und vieles mehr. Deshalb setzt die Regierung auf brutale Repression gegen die Jugendlichen. Es gab schon hunderte Verletzte und tausende Festnahmen. Der 14-jährige Manuel Gutiérrez wurde mit scharfer Munition von Polizisten erschossen. Jede Demonstration ist Schauplatz brutaler Übergriffe durch die Polizei. Der Geist der Diktatur zeigt sich unverhohlen und zynisch lächelnd. Die Ansprache des konservativen Präsidenten Sebastián Piñera am 22. September vor der UNO-Vollversammlung, in welcher er lächelnd erzählte, »der tapfere Kampf der chilenischen Jugend ist lediglich der Beweis für die Gesundheit der chilenischen Demokratie«, wurde in den Arbeitervierteln als reine Provokation empfunden. Er weiß so wenig wie die europäischen Eliten, wie zornig die Bevölkerung tatsächlich schon geworden ist. Chile galt als das südamerikanische Land, das am wenigsten gefährdet ist nach links zu kippen. Mit den aktuellen Bewegungen könnte ein entscheidender Schritt getan worden sein.

Von Manfred Ecker

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