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Wirtschaft | Theorie | Nahost-Konflikt | Islam
November - 2011 Während die herrschenden Ideen zunehmend an Glaubwürdigkeit verlieren, suchen Menschen nach alternativen Erklärungsmodellen. Dort wo sich die Linke kein Gehör verschaffen kann, blühen Verschwörungstheorien, die Sachverhalte vernebeln und auf Irrwege führen, schreibt Peter Herbst. Eine weltweite Bewegung, die auch in Österreich einige Verbreitung gefunden hat, ist das »Zeitgeist«- Movement, das mit dem gleichnamigen Film von Peter Joseph seinen Ausgang nahm. Im ersten Teil von »Zeitgeist« wird an der historischen Gestalt des Jesus aus Nazareth gezweifelt, der zweite Teil behandelt den Anschlag auf das World Trade Center, der dritte erklärt, wie Banken die Welt beherrschen. Kaum eine der im Film aufgestellten Behauptungen hielt einer kritischen Betrachtung stand. Für die Fortsetzung Addendum ließ Joseph einen Großteil von Teil 1 und 2 fallen – ohne sich jedoch davon zu distanzieren – und konzentrierte sich auf das Zinssystem. Die Idee ist, dass Banken durch Kreditvergabe die Kontrolle von Währung und Wirtschaft an sich gerissen und die Öffentlichkeit durch Überschuldung an die Leine genommen haben. Die Bankenkrise war von den Banken gewollt, um noch mehr Geld und Macht an sich zu ziehen. Dies geschah, um die eigene Macht zu festigen, ehe das Zeitgeist Movement die Möglichkeit hat die Bevölkerung aufzuklären. Dabei wird nicht verstanden, dass Ausbeutung nicht erst mit dem modernen Geldsystem Einzug gehalten hat, sondern bereits während des Goldstandards existierte. Und selbst vor dem Aufkommen von Mikro-Krediten, stand ein Sweatshop-Arbeiter unter dem Zwang seine Arbeitskraft zu verkaufen, da er keine Teilhabe an den Produktionsmitteln hat. Die Finanzwirtschaft ist keine unheimliche Macht von außen, sondern spiegelt die Bedürfnisse der Realwirtschaft wider. Weil die Renditen für Produktion und Dienstleistung beständig sanken, suchte sich das Kapital in der Spekulation neue Investitionsmöglichkeiten. Zinsknechtschaft und »Zeitgeist«Die dritte und bisher letzte Folge Moving Forward bringt eine halbgare Systemkritik, die vieles anreißt, aber kaum etwas zu Ende denkt. Das dann vorgestellte Venus Project um den Futuristen Jaques Fresco verfolgt das, was man gemeinhin einen »techno fix« nennt. Der Grundgedanke: »Die Probleme, mit denen wir heutzutage konfrontiert sind, können nicht politisch oder finanziell gelöst werden, weil sie höchst technische Gründe haben.« Indem man sich hinter dem Begriff »Wissenschaft« versteckt, leugnet man jedes Werturteil. Dieses Bedürfnis unpolitisch zu sein, während man Politik betreibt, teilen die Zeitgeist-Anhänger. In den letzten Minuten von Moving Forward warnt Fresco noch davor, dass die Mächtigen all ihre Möglichkeiten ausschöpfen werden, um das System zu erhalten, worauf Joseph mit einer kitschigen Massenszene antwortet, in der sich die Repression in Wohlgefallen auflöst. Mittlerweile hat sich das Venus Project vom Zeitgeist Movement distanziert, was die Zeitgeist-Jünger nicht davon abhält, sich weiter darauf zu beziehen. Islamische Weltverschwörung?Die Islamfeindlichkeit europäischer Prägung ist dagegen etwas weniger ambitioniert: Der Sozialstaat wird ausgesaugt, die abendländische Kultur durch Fremdartiges verdrängt und der hergebrachte Rechtsstaat durch Scharia-Gerichte ersetzt. All dies erfolgt mittels der hohen Fruchtbarkeit der durch Verhüllung geknechteten Musliminnen. Der Islam wird als einheitliches Ganzes dargestellt, dessen Mitglieder insgeheim alle dasselbe Ziel verfolgen. Die Existenz unterschiedlicher Glaubensrichtungen wird ignoriert. Die Mission der Islamkritiker besteht hierbei in der Verteidigung einer schwammigen Leitkultur. Sowohl »Zeitgeist« als auch die Islamkritik gründen sich auf wirtschaftlicher und sozialer Verelendung. Beide sehen sich unpolitisch: während sich die Zeitgeist-Bewegung jenseits von rechts und links sieht, bezeichnet sich Islamfeindlichkeit oft als Islamkritik mit wissenschaftlichem Anspruch. Und beide stützen den Kapitalismus: die Zeitgeist-Bewegung mit einer verstümmelten Kapitalismuskritik, die es nicht kümmert wie sie ans Ziel gelangen soll. Die Islamfeindlichkeit hingegen lenkt die Aufmerksamkeit von einem ausbeuterischen System auf eine Minderheit. Eine Schmiererei auf der Mauer des KZ Mauthausen bringt die Kontinuität auf den Punkt: »Was unseren Vätern war der Jud, ist uns heut‘ die Moslembrut«. Neben ihrer Funktion als Sündenbock für die herrschenden Missstände müssen Muslime auch noch als Begründung für Anti-Terror-Gesetze herhalten. So bemühte sich die österreichische Innenministerin Johanna Mikl-Leitner bei der Präsentation des Verfassungsschutzberichtes eine islamistische Bedrohung herbei zu reden, um die Einführung repressiver Gesetze zu rechtfertigen. ABC der VerschwörungstheorieVerschwörungstheorien können primitiv sein oder hochkompliziert, harmlos wie bei der Mondlandung oder mit potentiell schwerwiegenden Auswirkungen wie bei der Erderwärmung. Es gibt jedoch eine Reihe von Merkmalen, die bei der Identifizierung helfen:
Die Israel LobbyDie bisher genannten Beispiele entstammen rechten oder »unpolitischen« Verschwörungstheorien. Es gibt jedoch auch Theorien, die in der Linken Widerhall gefunden haben. Eine besteht im Glauben, dass die Nahost-Politik der USA von einer mächtigen Israel-Lobby bestimmt wird. Indem man jedoch annimmt, dass der Schwanz mit dem Hund wedelt, verleugnet man die imperialistischen Interessen der USA. Der britische Sozialist und Autor Chris Harman hat bereits 2006 darauf hingewiesen, dass Israel aufgrund seiner völligen Abhängigkeit der zuverlässigste Partner der USA ist. Die Revolutionen von 2011 führen dies drastisch vor Augen. |
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