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Eine Verschwörungstheorie, die die Bewegung schwächt

Mi. 07.09.11    
       


Chris Harman, verstorben im November 2009 in Kairo
© flickr.com/photos/elhamalawy/ (Hossam El Hamalawy)

Das Gerede von einer israelischen Lobby lässt Kapitalismus ungeschoren davonkommen.

Der US-Krieg gegen den Irak und die Drohungen gegen Iran sind Produkte der Bestrebungen des US-amerikanischen Kapitalismus, die Welt weiter zu dominieren. Das ist, was wir immer argumentiert haben.

Aber eine andere Interpretation findet sich sehr häufig sowohl in Teilen der Anti-Kriegsbewegung als auch in Teilen der muslimischen Welt. Demnach sei eine »jüdische Lobby« in den USA die Triebfeder für die Kriege.

Zwei Akademiker aus den USA, John Mearsheimer und Stephen Walt, haben ziemlichen Aufruhr verursacht, als sie versuchten eine Variante dieser Sichtweise in der London Review of Books zu vertreten. Sie behaupten eine »Israel Lobby« hätte dominierenden Einfluss auf die US-Politik. Mearsheimer und Walt wurden seither des Antisemitismus bezichtigt, eine Anschuldigung die der Realität nicht standhält, da die Autoren aggressive Chris Harman nicht mit der Masse der jüdischen Bevölkerung in den USA gleichsetzen (Die Hälfte davon war gegen den Irakkrieg, wie die Autoren betonen).

Dennoch ist das Argument der beiden komplett falsch, und muss von ernsthaften Kriegsgegnern vehement abgelehnt werden. Es lenkt von den wahren Interessen ab, die hinter dem Krieg stehen, und öffnet Verschwörungstheoretikern, die hinter allem was falsch läuft eine »jüdische Weltverschwörung« sehen, damit Tür und Tor.

Der Artikel beginnt mit unbestreitbaren Tatsachen. Die Unterstützung, welche Israel von den USA erhält, lässt jede andere Förderung zwergenhaft erscheinen – 140 Milliarden US Dollar waren es seit dem Zweiten Weltkrieg. Zusätzlich wird erinnert, dass die USA alleine seit 1982 gegen 32 UN-Sicherheitsratsbeschlüsse, welche Israel kritisierten, ein Veto eingelegt haben, das sind mehr Vetos als alle anderen Mitglieder des Sicherheitsrats gemeinsam eingebracht haben.

Der Artikel geht dann weiter, indem behauptet wird, dass diese Großzügigkeit nicht daher rührt, das Israel einen lebenswichtigen strategischen Außenposten für die USA darstellt. Israel mag auf der Höhe des Kalten Krieges hilfreich für die USA gewesen sein, aber heute sei es nicht mehr so. Es wird behauptet, dass der Irakkrieg und die Drohungen gegenüber Syrien und dem Iran eine Folge von israelischen Großmachtsbestrebungen seien, und diese die USA dazu brächten, gegen ihre eigenen strategischen Interessen zu handeln. Es sei für die USA klüger, Israel dazu zu zwingen die Grenzen von 1948 zu akzeptieren, und so sein Image in der arabischen und muslimischen Welt wieder zu verbessern.

Das Einzige was die USA daran hindert, sei der enorme Einfluss der »jüdischen Lobby«. Der Artikel geht dann her und stellt dar, wo überall Schlüsselpositionen von glühenden Zionisten besetzt sind, nicht nur innerhalb neoliberaler Zirkel, auch im US-Senat und in der Demokratischen Partei.

Das ganze Argument hat eine riesige Schwäche. Niemals wird erklärt wodurch die »Israel Lobby« überhaupt so einflussreich geworden ist. Es kann nicht die Macht der Wählerschaft sein, die von der Israel Lobby« mobilisiert werden. 30 Millionen Lateinamerikaner in den USA hatten niemals solchen Einfluss, genauso wenig die vielen Menschen irischer Abstammung.

Weshalb sollten die US-Konzerne, deren Besitzer zum überwältigenden Anteil nicht jüdisch sind, bereit sein, einer kleinen Gruppe verbissener Unterstützer Israels, solchen Einfluss ausüben zu lassen. Der Grund weshalb die Säulen des US-Kapitalismus Israel und eine aggressive Politik im Mittleren Osten unterstützen, ist weil sie diese Politik als in ihrem Interesse sehen – egal aus welchem ethnischen oder religiösen Hintergrund sie kommen.

Sie haben in der ganzen Welt Investitionen und Märkte. Je schneller die Globalisierung voranschreitet, desto abhängiger sind sie von der Fähigkeit des US-Staats ihre Interessen zu schützen. Der Mittlere Osten, als das Zentrum der weltweiten Erdölproduktion, hat eine Schlüsselposition in diesem Szenario des Konkurrenzkampfs.

Im Mittleren Osten gibt es einige USA-freundliche Regimes. Aber ihnen allen mangelt es an der nötigen öffentlichen Unterstützung, die für eine längerfristige Stabilität vonnöten wäre. Die herrschende Klasse erinnert sich der Revolutionen 1952 in Ägypten, 1958 im Irak, 1969 in Libyen und 1979 im Iran sehr gut. Außerdem können die Regimes im Mittleren Osten diplomatische und Handelsbeziehungen mit China, Europa, Japan oder Russland, solchen mit den USA vorziehen.

Der israelische Staat hat dagegen keine andere Wahl, als sich auf den Schutz durch die USA zu verlassen. Israel zahlt bereitwillig für diesen Schutz, indem es sich mit den US-Interessen im gesamten Raum identifiziert. Daher fürchtet es auch Bewegungen die sich bemühen, die Völker im Mittleren Osten gegen die Unterwerfung durch die USA zu vereinen. Israel ist der bereitwillige Wachhund des US-Imperialismus.

Natürlich kann ein Wachhund eigene Bedürfnisse haben, die seine Herren nicht teilen. Er verlangt danach gefüttert zu werden, selbst wenn der Herr seine Mittel gerne anders einsetzen würde. Dasselbe gilt für Israels aggressive Haltung gegenüber den besetzten Gebieten, die den unmittelbaren Interessen des US-Kapitalismus widerspricht. Die USA nimmt dieses Verhalten für den Preis eines ultra-zuverlässigen Bündnispartners in Kauf.

Die herrschende Klasse der USA sieht Israel als eine US-Basis, beinahe so wie einen Teil ihres eigenen Territoriums. Es ist daher nicht wirklich überraschend, dass sie gegen verbissene Verteidiger von israelischen Interessen in wichtigen Schlüsselpositionen des Establishments keine Einwände haben.

Leute die die »Israel Lobby« hinter dem US-Imperialismus stecken sehen, haben ein völlig falsches Bild. Sie glauben, dass US-Kapitalismus seine weltweiten Interessen ohne militärische, imperialistische Abenteuer und ohne Wachhunde erreichen könnte. Und das wiederum öffnet Tür und Tor für jene, die mit ihrem Gerede von Verschwörungen durch ethnische oder religiöse Minderheiten, Kapitalismus von seinen Verbrechen freisprechen möchte.

von Chris Harman

Originalartikel:
www.socialistreview.org.uk/article.php?articlenumber=9762


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