Home Zeitung & Texte Termine Links Über uns
   
Nur Titel
Aktuelle Zeitung Zeitungs-Archiv Broschüren Online-Artikel Marxistische Klassiker Demosprüche

September - 2011 (Di. 06.09.11)    
       


© Latuff

»Karl Marx hatte Recht«, verlautbarte vor kurzem der renommierte amerikanische Ökonom Nouriel Roubini, der dafür gerühmt wird, dass er das Platzen der Immobilienblase 2007 vorhergesagt hatte. Judith Litschauer geht der Frage nach, worin Marx Recht hatte und untersucht dabei die Ursachen und Auswirkungen der Wirtschaftskrise seit 2008.

Jeden Tag erreichen uns neue Horrormeldungen zur Krise und über den Wahnsinn des Systems: Die Wirtschaft kommt nicht richtig ins Laufen; Es gibt steigenden Druck auf Staatsschulden durch Herabsetzung ihrer Ratings; Spekulanten treiben Nahrungsmittelpreise in die Höhe; Leerverkäufe an den Finanzmärkten verschlimmern die Krise. Robert Misik meint sogar, »dass der Kapitalismus drauf und dran ist, sich selbst zu zerstören, wenn man ihm nicht klare Regeln setzt«. Bundeskanzler Werner Faymann forderte in einem Interview mit der Tageszeitung Österreich: »Es muss Schluss sein mit diesen Wetten gegen Währungen, Nahrungsmittel, Kurse.« Dies sind zwar eindeutig Anzeichen dafür, wie krank das kapitalistische System ist. Aber was ist tatsächlich die Rolle dieser Wahnsinnigkeiten? Sind sie Auswirkung oder Ursache der gegenwärtigen Krise?

Finanzmärkte



»Die Finanzindustrie ist zu einer Bedrohung für die globale Gesellschaft geworden«, schrieb Der Spiegel Ende August. Es lohnt sich also ein Blick auf die Entstehung besagter Finanzindustrie.

Schon mit Beginn der kapitalistischen Entwicklung waren Kredite unglaublich wichtig. Das Finanzsystem entstand, um die Profite jener Kapitalisten, die gerade nicht investieren wollten, zu jenen zu lenken, die investieren wollten. Die Zirkulation von Kapital wurde schneller und beschleunigte die Akkumulation in der produktiven Sphäre. Kapitalismus wurde dynamischer, aber auch wesentlich instabiler und krisenanfälliger, wie der freie Fall an den Aktienmärkten Mitte August verdeutlicht.

Oft werden Finanzmärkte als etwas Eigenständiges dargestellt, wo unglaubliche Profite gemacht werden können. Nach der Marx’schen Arbeitswertlehre kann aber nur in der realen Produktion die Grundlage des Profits – der so genannte Mehrwert – geschaffen werden, da wir mit unserer Arbeitskraft in unserer Arbeitszeit mehr Wert schaffen als der Erhalt unserer Arbeit (Lohn) kostet. Diese Differenz (Mehrwert) streift sich unser Chef ein. Im Finanzmarkt (Sphäre der Zirkulation) geht es »nur« um die Verteilung des in der Produktion (Realwirtschaft) geschaffenen Mehrwerts. Beispielsweise reduzieren die Kreditzinsen, die ein Unternehmer an die Bank zahlt, seinen Profit.

Fiktives Kapital



Es wird Kredit gewährt, um einen Anteil an dem damit erwirtschafteten zukünftigen Profit zu bekommen. Beispielsweise emittiert ein Unternehmen eine Anleihe, um mit dem so erhaltenen Geld seinen Maschinenpark zu erneuern, wodurch er in kürzerer Zeit mehr Profit erwirtschaften kann. Diese Anleihe ist eigentlich nur ein Stück Papier und kein wirkliches Kapital – das Kapital existiert nur in Form des Maschinenparks. Es kann sich nicht einfach verdoppeln und noch ein zweites Mal als Anleihe existieren. Der Investor, der die Anleihe hält, kann diese aber weiterverkaufen. Auf diese Weise entstehen ganze Märkte, auf denen Finanzmarktprodukte (also »fiktives Kapital«) gehandelt werden. Die dot.com-Blase Anfang der 2000er verdeutlicht die Funktionsweise solcher Märkte: Die Internetfirmen hatten hohe Aktienkurse, weil viele Investoren Geld in ihre Aktien steckten und sie viel gehandelt wurden – ihr Beitrag zur Wertschöpfung war aber niemals so hoch wie ihr Aktienwert annehmen ließ. Erst wenn eine so entstandene Blase platzt, wird klar, dass die Profite aus der Produktion einfach zu klein sind, um all diese Papiere zu bezahlen. Seit den 1980er Jahren kam es durch Deregulierungen und Liberalisierungen zu einem massiven Aufblähen der Finanzmärkte.

Schuld der Finanzmärkte?



In den letzten Jahren konnte man schließlich ein enormes Anwachsen und Entstehen solcher fiktiver Kapitalien beobachten: Hypotheken, Regierungsanleihen, Schuldenobligationen, Kreditausfallversicherungen, etc. Die Größe der Derivate ist laut dem marxistischen Ökonom Guglielmo Carchedi heute zehnmal so groß wie die gesamte Weltproduktion. Nun stellt sich die Frage: Wie konnte der Finanzmarkt so enorme Ausmaße annehmen? Damit verbunden ist die Frage: Warum wird eigentlich nicht versucht, in der Realwirtschaft zu investieren, um dort Profit zu machen?

Problem in Realwirtschaft



Carchedi berechnete die durchschnittliche Profitrate des produktiven Sektors in den USA zwischen 1948 und 2009. Er kam dabei zu folgendem Ergebnis: Die Profitrate fiel von 22% im Jahr 1950 auf 3% im Jahr 1986. Dieser Abwärtstrend setzt sich bis heute fort. Dieses Phänomen beschrieb Karl Marx in Kapital Band III als das »Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate«: Durch die Konkurrenz müssen Kapitalisten in immer bessere und neuere Produktionsmittel (Maschinen, Büros, Computer) investieren. Dadurch gibt es mit der Zeit immer mehr Produktionsmittel (konstantes Kapital) im Vergleich zu den Arbeitskräften (variables Kapital). Da allerdings – nach Marx – nur Arbeit Wert schafft, entstehen für das System Probleme. Weniger eingesetzte Arbeit in hochtechnologischen Arbeitsprozessen bedeutet, dass weniger Mehrwert produziert wird. Oder anders gesagt: Weil gesamtgesellschaftlich die Investitionen schneller wachsen als die Quelle des Profits, führt dies zu einem Druck auf die durchschnittliche Profitrate, die deshalb tendenziell sinkt. Was also kurzfristig profitbringend für den einzelnen Kapitalisten ist, führt mittelfristig zu Problemen für das gesamte System.

Ausweg Finanzwirtschaft?



Der Fall der Profitrate machte die Realwirtschaft unproduktiv. Weil die Profitabilität im produktiven Sektor gesunken ist, bewegte sich das Kapital in den Finanzsektor – in der Hoffnung, dort höhere Profite zu generieren. Diese Bewegung führte in der Folge zu spekulativen Blasen und förderte die Entstehung von Finanzkrisen. Der Ursprung solcher Finanzkrisen ist deshalb in der Realwirtschaft zu finden, in der eine zu niedrige Profitabilität vorherrschte.

Ausbeutung



Marx beschrieb auch dem Fall der Profitrate entgegenwirkende Tendenzen, beispielsweise durch eine Erhöhung der Ausbeutungsrate: Arbeitszeitflexibilisierungen, Überstunden oder reale Lohnkürzungen. Der tendenzielle Fall der Profitrate konnte so – laut Carchedi – seit den 1980er Jahren kurzzeitig gebremst werden. Wenn niedrige Löhne die Profitabilität erhöhen, könnten sie dann nicht den Aufschwung starten? In der aktuellen Krise argumentieren Neoliberale nach dieser Logik der Kapital-Seite, die so die Kosten der Krise auf die Lohnabhängigen laden will. Europaweit setzen Regierungen auf Sparpolitik und Kürzungen. Der Haken dabei: Ein langfristiger Aufschwung kann erst dann beginnen, wenn die Ursache der Krise aufgehoben ist. Die Krise wird durch zu viel Kapital im Vergleich zum produzierten Mehrwert verursacht. Folglich kann ein Aufschwung nur durch »Vernichtung von Kapital« in Gang gebracht werden.

Marx vs Keynes



Markus Marterbauer, keynesianistischer Ökonom aus Österreich, schreibt in seinem neuen Buch Zahlen bitte!: »Eine wichtige Ursache der Krise besteht in der weltweiten … Zunahme der Ungleichheit der Verteilung der Einkommen [was] die gesamtwirtschaftliche Nachfrage … geschwächt [hat].« Marterbauer erkennt also einige wichtige Folgen, stellt diese allerdings als Ursache dar. Die neoliberale Politik, basierend auf massiven Lohnkürzungen hat die derzeitige Krise nicht verursacht – wohl aber die Situation der Lohnabhängigen verschlechtert.

Ein beliebter Ansatz ist der permanenten Rüstungswirtschaft, dessen Anti-Krisen-Strategie auf Staatsinterventionen aufbaut, also auf öffentlichen Investitionen. Diese Maßnahmen sind jedoch kein dauerhaftes Mittel gegen Krisen, sie gönnen dem Kapitalismus lediglich eine Verschnaufpause, indem sie den Ausbruch der Krise verzögern.

Rüstungswirtschaft



Das Goldene Zeitalter (1940er bis 1960er Jahre) wird oft als »Siegeszug« keynesianischer Wirtschaftspolitik bezeichnet. Doch das Goldene Zeitalter verdient seinen Namen nicht keynesianischer Politik, sondern der »permanenten Rüstungswirtschaft«, welche die Profitrate mithilfe massenhafter Produktion von Rüstungsgütern – deren Nachfrage durch die kriegführenden Regierungen garantiert war – kurzfristig in die Höhe trieb. Der Zweite Weltkrieg war in diesem Sinne – als Folge der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre – Vernichtung von Kapital.

Massive Militärproduktion umging durch den garantierten Absatz der erzeugten Produkte das Problem der Realisierung, das bei Konsumgütern bestanden hätte.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs stieg man von der Militär- auf zivile Industrie um. Die Lebensstandards stiegen, die Nachfrage ebenso, wodurch die Produktion angetrieben wurde. Die Saat der Krise der 1970er Jahre wurde schon in dieser Boom-Ära gesät, denn bald nach dem Krieg fiel die Profitrate wieder. Das Goldene Zeitalter brachte Wohlstand – jedoch aufgrund der enormen Vernichtung von Kapital durch Aufrüstung, nicht durch die keynesianische Wirtschaftspolitik der Staatsinterventionen. Die fallende Profitrate bedeutete ab 1970 dass sich die Bedingungen für die Arbeiterklasse verschlechterten. Das Zeitalter des Neoliberalismus brach herein.

Lösungsvorschläge



»Wir müssen diese Zerstörungsprozesse der Realwirtschaft durch die Spekulanten stoppen«, identifiziert Bundeskanzler Faymann die Ursache der Krise in den Auswüchsen der Finanzmärkte. Doch tatsächlich ist die Lage umgekehrt: Die aus kapitalistischer Sicht unproduktive Realwirtschaft – mit fallenden Profitraten – hat zu Spekulationen geführt. Finanzmarktkontrollen, Transaktionssteuern, und andere Maßnahmen vermögen folglich nicht die Ursachen, sondern höchstens die Auswirkungen der Krise zu bekämpfen. Finanzmarkt-Zähmung verschafft dem Staat zwar Einnahmen, die Krise verhindert es aber nicht.

Krisen sind Teil des Systems



Der reformistische Ansatz, über Staatsinterventionen Ungleichheit im System abzumildern, schürt die Illusion eines zum Besseren reformierbaren Kapitalismus, in welchem verteilungspolitische Maßnahmen sowohl die Wirtschaft in Gang bringen als auch zukünftige Krisen verhindern können.

Auch wir Marxistinnen und Marxisten sehen die Notwendigkeit für höhere Löhne, niedrige Arbeitslosigkeit, bessere Lebensstandards und öffentliche Investitionen. Doch wir sehen gleichzeitig, dass sich bei diesem Kampf zwei soziale Klassen diametral gegenüberstehen. In diesem Sinne sind alle Gewinne der Arbeiterinnen und Arbeiter gleichbedeutend mit Verlusten der Kapitalisten und tragen dazu bei, das kapitalistische System zu schwächen anstatt es zu stärken. Es geht nicht nur um die Frage, wer diesmal die Kostenlast der Krise trägt – schließlich wird im Kapitalismus alles daran gesetzt, sicherzustellen, dass dies die Lohnabhängigen sind. Für Marxistinnen und Marxisten sind Krisen ein immerwährender Teil des Systems. Langfristig gesehen ist der einzige Weg aus der Krise der Weg aus dem System.

Weiterführende Artikel:
  • Falsche Hoffnungen in Keynes
    Mit keynesianischer Politik ist eine aktive Rolle des Staates in der Gesamtwirtschaft und in der Arbeitslosenpolitik gemeint. In den siebziger Jahren, als die Krise trotz allem wiederkam, wurde seine…

  • Was ist Neoliberalismus?
    Die Entstehung neoliberaler Ideen: Wegen der verheerenden Wirtschaftskrise nach den golden twenties schien der klassische Wirtschaftsliberalismus bankrott. Die Ideen, dass ein freier,…

  • Marxistische Wirtschaftstheorie 5: Permanente Rüstungswirtschaft
    Judith Litschauer über Michael Kidron und Tony Cliffs Theorie der permanenten Rüstungswirtschaft. Die Weiterentwicklung der Theorien Trotzkis erklärt den boomenden Marktkapitalismus nach den…



Zu allen Artikeln dieser Ausgabe

       




Sende deinen Kommentar zu diesem Artikel an die Redaktion
 
Name (optional)
Email (optional)
Kommentar

Diese Seite ist KEIN Forum: Kommentare werden NICHT automatisch online gestellt. Sie werden an die Redaktion weitergeleitet und gegebenenfalls in der Printausgabe der Zeitung als LeserInnenbrief bzw. online veröffentlicht. Gebt ihr hier Namen und E-Mail Adresse an, werden wir euch in diesem Fall kontaktieren, ob wir euren Namen verwenden dürfen. Ansonsten - wie auch bei Kommentaren ohne Absender - kann der Text anonym veröffentlicht werden












Impressum linkswende@linkswende.org
0650/45 22 473