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Juni - 2011 (Di. 24.05.11)    
       


Nach der Revolution 1917 konnten in Russland erstmals jüdische Kinderbücher erscheinen. Vorher herrschte der Antisemitismus des Zarenreichs

»Durch Freiheit zur Bildung«: Mit dieser Losung wies Karl Liebknecht in einer Rede bereits 1872 darauf hin, dass sich wirklich freie Bildung erst entfalten kann, wenn sich die Menschen selbst von ihrer Unterdrückung befreit haben. David Albrich arbeitet die widersprüchlichen Erwartungen in Bildung heraus und skizziert, welche Herausforderungen in punkto Bildung im Sozialismus auf uns warten.

»Freie Bildung für alle« war wohl eine der populärsten Forderungen in der großen Studierendenbewegung 2009/10. Obwohl oft als »revolutionäre Spinnerei« abgetan, steckt darin der berechtigte Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben und kritischem Lernen frei von Zwängen. Um zu verstehen, welches revolutionäre Potential in dieser Forderung nach freier Bildung liegt, lohnt es sich einen Blick in die Geschichte zu werfen. Der moderne Bildungsbegriff geht im Wesentlichen auf die bürgerlichen Revolutionen gegen Adel und Kirche (wie die Französische Revolution 1789-99) zurück.

Widersprüche der Bildungsidee



Bildung hatte für die Bourgeoisie zweierlei Funktionen: Zum einen sollten die Einführung der allgemeinen Schulpflicht und Alphabetisierungsmaßnahmen es vormaligen Bäuerinnen und Bauern ermöglichen, die technischen Fertigkeiten zu erwerben, um die neuen Maschinen bedienen zu können. Damit schuf sich das Bürgertum aber gleichzeitig seinen Gegner im Klassenkampf – die Arbeiterklasse.

Zum anderen war Bildung ein Mittel, um die verstaubten Ideale des Feudalismus abzulegen – die Losung »Durch Bildung zur Freiheit« verkörperte somit einen damals äußerst emanzipatorischen Charakter. Dieser ging bald wieder verloren: Die Ausbildungseinrichtungen wurden in den bürgerlichen Staat eingegliedert. Mithilfe dieser Bildungsinstitutionen konnte das Bürgertum Klassenunterschiede weiter zementieren, Bildung wurde zu einer Disziplinierungsmaßnahme.

Entfremdung



Warum wird so gern die Schule geschwänzt? Was ist die tiefere Ursache für »Komasaufen« und Ähnliches? Karl Marx würde sagen: Dies sind Reaktionen auf Entfremdung. Damit ist Folgendes gemeint: Die meisten Menschen haben im Kaptalismus keinerlei Kontrolle darüber, wie sie arbeiten, was sie herstellen. Sie sind den Ergebnissen ihrer eigenen Arbeit »entfremdet« und dadurch auch ihren Mitmenschen. Der Mangel an Selbstverwirklichung wird vom Einzelnen als schmerzhaft empfunden und muss kompensiert werden. Ähnliches gilt in der Bildung: Ohne jede Kontrolle über den Lehrstoff dient schon die schulische Ausbildung nur dazu, den jungen Menschen gebrauchsfähig für den Produktionsprozess und »fit« für die Konkurrenz um Arbeitsplätze zu machen. Darauf reagieren junge Menschen dann auf ihre eigene Art.

Russische Revolution 1917



Jede große Revolution gegen das herrschende System bringt unvermeidlich auch radikale Veränderungen im Bildungssystem mit sich. Im Zuge der Oktoberrevolution von 1917 wurden die Bildungsausgaben um beinahe das Neunfache erhöht. Die Prioritäten der revolutionären Bildungspolitik lagen in der Berufsausbildung der ländlichen Bevölkerung und dem Kampf gegen Analphabetismus, um allen die Teilnahme am kulturellen Leben zu ermöglichen. Innerhalb kürzester Zeit wurde eine Vielzahl an Büchern über Psychologie, Pädagogik und Lehrmethoden aus dem Deutschen, Französischen oder Englischen übersetzt.

Welches befreiende Element der Bildung plötzlich wieder beigemessen wird, wenn sich die Menschen von ihren Zwängen selbst emanzipieren, zeigt folgende eindrucksvolle Schilderung der amerikanischen Autorin Anna Louise Strong, die über die Russische Revolution im Bürgerkrieg schreibt: »In der Ukraine erzählte ein Lehrer ein Märchen der Grimmbrüder… Es war einmal eine fleißige Gänsemagd, die einen Prinzen heiratete. Offensichtlich heißt im modernen Russland »einen Prinzen heiraten« allerdings nicht »und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage «… Der Lehrer erzählte, dass die Magd auf ihre ehrliche Arbeit verzichtete und nun in einem Palast auf Kosten der gewöhnlichen Menschen lebe, ihren früheren Freunden! Die Kinder aber lehnten so ein beschämendes Ende ab! Sie mochten die Gänsemagd, also musste sie sich vom Prinzen lossagen und einen Bergarbeiter heiraten. Das Ende, das die Kinder erfunden haben, ist nun in das Grimmmärchen aufgenommen worden. «

Die Tatsache, dass dieses alternative Ende übernommen wurde, weist auf eines der wesentlichen Merkmale der neu geschaffenen »einheitlichen Arbeitsschule« hin: den hohen Grad an Demokratie. In der Schulgemeinschaft waren Schülerinnen, Schüler, Lehrende und auch Werktätige gleichberechtigt, sie wählten ihre jederzeit abwählbare Führung in den Schulkomitees.

Die einheitliche Arbeitsschule wurde im Schulgesetz 1918 niedergeschrieben und orientierte sich sehr stark an den Erfahrungen der Pariser Kommune 1871 und der Revolution von 1905. Der Unterricht war unentgeltlich und für alle zugänglich.

Der zweite Eckpfeiler der marxistischen Bildungsphilosophie, die man in den einheitlichen Arbeitsschulen wiederfinden konnte, war die polytechnische Bildung. Die Arbeit, die das Wesen des Menschen darstellt, wurde ins Zentrum der Schulen gestellt – die Schule sollte so eine arbeitende Kommune werden. Damit versuchten die russischen Revolutionäre die Überwindung der Trennung zwischen geistiger und körperlicher Arbeit.

Geistige und körperliche Arbeit



Erst nachdem die (kapitalistische) Arbeitsteilung und »damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist […] «, schreibt Marx in seiner berühmten Kritik am Gothaer Programm, »erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!«

Im Kapitalismus dient Wissenschaft fast ausschließlich dazu, die Arbeitsproduktivität im Konkurrenzkampf der einzelnen Firmen, Konzerne usw. zu erhöhen. Im Ausbildungsweg sollen den Arbeitskräften vor Eintritt ins Erwerbsleben ausreichend Qualifikationen mitgegeben werden.

In einer sozialistischen Gesellschaft wären das Privateigentum und damit die Konkurrenz zwischen einzelnen Unternehmen ausgeschaltet. In einer demokratisch kontrollierten Wirtschaft würde die Trennung zwischen Ausbildung, Wissenschaft und Arbeit wegfallen. Produziert würde das, was nach demokratischen Entscheidungen gebraucht wird, und nicht das, was irgendeiner Firma den größten Profit bringt.

»Die Bildung der Sowjets ist eines der außergewöhnlichsten sozialen Experimente, das jemals in der Geschichte der modernen Gesellschaft versucht wurde«, berichtet der US-amerikanische Autor und Pädagoge Scott Nearing. 1925/26 beschreibt er die polytechnischen Lehrmethoden in den Arbeitsschulen: »In jedem Labor standen mehrere Tische, um die sich die Schüler sammelten – vier, fünf oder sechs an jedem Tisch. Sie arbeiteten alle in Gruppen. Wenn man den Raum betrat, suchte man vergeblich nach einem Lehrer, der von oben herab befiehlt und hinter einem Tisch an der Spitze des Raumes sitzt. Stattdessen hat man ihn mit einer der Gruppen arbeitend an einem der Tische gefunden. «

In der polytechnischen Bildung der Arbeitsschulen wurden Lehrinhalte nicht einfach vorgetragen, sondern Schülerinnen und Schüler erarbeiteten sich ihre Fähigkeiten durch praktische Anwendung in Labors selbst. »Die umgebende Natur zu erkennen ist am leichtesten, indem man diese Natur zu beeinflussen versucht«, heißt es im »ABC des Kommunismus« von 1919. Fehler zu machen war erwünscht. Arbeiter aus der Umgebung kamen in die Schulen, um den Lernenden zur Seite zu stehen.

Keine Trennung zwischen körperlicher und geistiger Arbeit bedeutet aber auch noch etwas Anderes: Kontroll- und Verwaltungsaufgaben sollten im Sozialismus Jeder und Jede erlernen. Der russische Revolutionäre Lenin schreibt: »Denn wenn alle gelernt haben werden, selbständig die gesellschaftliche Produktion zu leiten, […] [werden] Rechnungsführung und Kontrolle […] sehr bald zur Gewohnheit werden […]. «

Bildung im 21. Jahrhundert



Wir sind an einem Punkt in der Geschichte angelangt, wo die kapitalistische Organisation der Wirtschaft (die herrschenden »Produktionsverhältnisse«) längst zu einem Hindernis für die Entwicklung unserer technischwissenschaftlichen Möglichkeiten (»Produktivkräften«) geworden ist.

Man denke nur an die Möglichkeiten erneuerbarer Energieträger, Gebäudesanierung usw., die nicht umgesetzt werden, weil sie nicht profitabel genug sind. Im Bildungsbereich wird versucht, Wissen mit Copyrights, Patenten und Internetzensur in das Korsett einer Ware zu stecken. Bildung aber hat, wie der Bildungswissenschafter Erich Ribolits argumentiert, keinen (Tausch- bzw. Verkaufs-)Wert«, »da etwas, das sich im Verkaufsvorgang »vermehrt«, tendenziell unbegrenzt verfügbar ist«.

Für eine »freie Bildung« braucht es eine gesellschaftliche Veränderung, die nur durch revolutionäre Umwälzungen erreicht werden kann. Die Forderung nach Chancengleichheit im Bildungssystem (z. B. Gesamtschule) ist gut und richtig, jedoch ist es eine Illusion zu glauben, dass, weil alle dieselben Voraussetzungen haben, auch alle gleichermaßen am gesellschaftlichen Reichtum teilhaben können.

Einerseits muss deshalb die reformistische Forderung nach Chancengleichheit immer mit der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit (z. B.Vermögenssteuern) und einer Perspektive, die über den Kapitalismus hinaus weist, verbunden werden. Andererseits werden besonders im Bildungssystem politische und ideologische Kämpfe (Stichwort: Neoliberalismus) ausgetragen, denen wir uns als Revolutionäre stellen müssen.

In der Diskussion um »Freie Bildung für alle« steckt also enormer revolutionärer Zündstoff. Wirkliche, freie Bildung, die das Potential des Individuums und der gesamten Menscheit zur Entfaltung bringen kann, wird erst möglich sein, wenn wir uns von den Zwängen des Kapitalismus befreien können..

So ist auch Karl Liebknechts Rede zu verstehen: »Durch Bildung zur Freiheit, das ist die falsche Losung der falschen Freunde. Wir antworten: Durch Freiheit zur Bildung!«

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