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Juni - 2011 (Di. 24.05.11)    
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Im Vorfeld der Linkswende-Veranstaltung »Für eine neue Bildungsbewegung« sprach Judith Litschauer mit Univ.-Prof. Dr. Erich Ribolits über Gesamtschule, ob Bildung das zentrale Element ist, um die Gesellschaft zu verändern und welches Potenzial er in sozialen Bewegungen sieht.

Linkswende: Was, denkst du, hat die Unibewegung 2009/10 erreicht?



Ribolits: Viele Leute haben gesagt, es ist mehr als nur ein Kampf für bessere Studienbedingungen. Es ist erreicht worden, dass die Situation an der Universität in einem breiteren Rahmen diskutiert wurde, und bei vielen Leuten ist die Hoffnung entstanden, dass solidarische Aktionen etwas verändern können.

Die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen wird momentan medial wieder intensiv diskutiert. Ist die gemeinsame Schule schon das Maß aller Dinge oder gerade mal ein Anfang, um Chancengleichheit zu erreichen?



Die gemeinsame Schule ist eine uralte Forderung der demokratischen Linken. Und es ist im Sinne einer Herstellung von bürgerlicher Gerechtigkeit notwendig, dass man das fordert und dafür kämpft.

Sie würde auch ein gewisses Maß an sozialer Gleichheit bringen, oder wenigstens ein Abbau von sozialer Ungerechtigkeit damit Hand in Hand gehen. Aber damit nicht all jene, die es sich leisten können, ihre Kinder auf Privatschulen schicken, müssten massive flankierende Maßnahmen getroffen werden.

Und eine gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen ist ja nur Teil des Problems im Bildungssystem. Im Grunde beginnt die soziale Benachteiligung im Kindergarten, geht in der gesamtschulartigen Grundschule, also in der Volksschule, weiter und setzt sich im höheren Bildungswesen weiter fort (siehe Artikel). Es ist also eine wichtige Forderung, aber nicht alles, was man erreichen kann.

Welche flankierenden Maßnahmen müsste man setzen?



Ich halt sehr viel von der Forderung, da Heranwachsenden grundsätzlich eine Unterstützung, unabhängig von ihren Eltern und unabhängig von der sozialen Situation, aus der sie kommen, zu geben. Alle Heranwachsenden sollen das Recht auf eine öffentliche Unterstützung für einen umfangreichen Bildungsweg haben.

Dann muss Bildung in der Gesellschaft einen anderen Stellenwert bekommen. Dazu gehört ganz wesentlich, dass Bildung nicht nur ökonomisch argumentiert wird.

Erstens lässt sich nicht einmal wirklich belegen, dass in einem Land, in dem mehr Geld für Bildung ausgegeben wird, tatsächlich sowas wie ein ökonomischer Vorteil für die Gesamtbevölkerung entsteht. Und zweitens heißt das Argument immer, dass man diese Konkurrenzsituation verstärkt, unterstützt und auch als etwas Richtiges akzeptiert.

Für wie realistisch hältst du die Umsetzung der Gesamtschule in nächster Zeit?



Wenn man gesellschaftspolitische Forderungen stellt oder Kämpfe für die Umsetzung dieser Forderungen in die Wege leitet, dann darf man die Frage danach, wie realistisch die Umsetzung ist, nicht stellen. Sonst verzweifelt man oder hört in vielen Fällen wahrscheinlich gleich auf.

Ich halte es nicht für sehr realistisch. Gleichzeitig denk ich mir, dass das bürgerlich-kapitalistische System im Moment zunehmend sichtbar an Grenzen stößt. Und diese Grenzen machen auch Widersprüche stärker spürbar. Dementsprechend bemerken auch größere Gruppen der Bevölkerung, dass etwas nicht stimmt. Und sie sind leichter zu überzeugen, wenn es bereits konkrete Forderungen und Perspektiven gibt.

Man kann die elitären Forderungen durchaus in den Hintergrund stellen. Zum Beispiel halte ich die Forderung, dass es auf allen Klos der Universität Klopapier gibt, durchaus für eine elitäre Forderung, weil es nur die Studierenden betrifft. Sie geht nicht in die Richtung, dass möglichst alle die Möglichkeit haben, Bildung überhaupt in höherem Ausmaß in Anspruch zu nehmen oder das tertiäre Bildungssystem überhaupt herauszufordern.

In deinem Buch zitierst du Karl Liebknecht: »Durch Freiheit zur Bildung«. Wie ist das zu verstehen?



Ich bin Bildungswissenschafter und Gesellschaftskritiker. Trotzdem glaube ich, dass es eine Illusion ist, dass sich die gesellschaftliche Situation über das Bildungswesen aushebeln lässt. Diese Illusion knüpft an eine bürgerliche Bildungsillusion. Alle - von ganz links bis ganz rechts - glauben, dass Bildung die Lösung ist. Niemand hat etwas gegen die Forderung nach einem besseren Bildungswesen. Es geht aber darum, eine andere Gesellschaft zu erkämpfen. Selbst in den Ländern, in denen der Kapitalismus scheinbar funktioniert, ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten etwas Dramatisches passiert. Es geht den Menschen auf einer gewissen Ebene schlechter. Das ist der wichtigere Ansatzpunkt für eine Gesellschaftsveränderung. Der Ansatzpunkt »Bildung für alle« führt nicht dazu, dass sich alle für eine neue Gesellschaft einsetzen.

Die Situation in Griechenland ist ja ein gutes Beispiel dafür, was möglich ist. Welches Potenzial siehst du für eine Ausweitung derartiger Kämpfe?



Noch sind es nur die Griechen, die Portugiesen und die Iren, die sich gegen die Verschlechterungen wehren, aber ich nehme an, dass es früher oder später in ganz Europa zu solchen Bewegungen kommen wird.

Ich weiß nicht, ob es schon konkrete Aussichten und die Möglichkeit für eine Bewegung gibt, aber man muss es zumindest probieren. Es gibt kaum jemanden, kaum eine Arbeiterin, einen Arbeiter, kaum Studierende, die nicht im Moment erleben, dass es schlechter wird. An allen Ecken und Enden wird gespart, der Ausbeutungsdruck wird größer. Viele Menschen merken, dass es eng wird. Natürlich wehren sie sich als erstes auf der Ebene, die sie unmittelbar betrifft. Sie dazu zu bringen, gegen die Gesamtlinie der Entwicklungen aufzutreten, und nicht nur für ihr persönliches Schicksal zu kämpfen, ist etwas schwieriger. Aber wahrscheinlich das Einzige was man machen kann...



Weiterführender Artikel:
  • Bildung und Sozialismus
    »Durch Freiheit zur Bildung«: Mit dieser Losung wies Karl Liebknecht in einer Rede bereits 1872 darauf hin, dass sich wirklich freie Bildung erst entfalten kann, wenn sich die Menschen selbst von…



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