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März - 2011    
       


© Linksjugend Deutschland

Kein Bildungssystem weltweit sortiert so früh zwischen akademischer und »praktischer« Berufslaufbahn aus wie das österreichische. Dabei entscheidet vor allem soziale Lage und Bildung der Eltern über die Chancen der Kinder. Linkswende bringt die Fakten zu den Hürden.

Kindergartenplatz ergattert?



Gute Kinderbetreuung in den ersten Jahren ermöglicht Eltern das Verdienen des Lebensunterhalts und fördert die soziale Kompetenz und das spielerische Lernen der Kinder. Nur schade, dass sich das nicht alle leisten können!
  • Ein ganztägiger Kindergartenplatz kann je nach Bundesland bis zu 200 Euro und mehr kosten.
  • Für nur 18% der Null- bis Dreijährigen gibt es 2011 einen Betreuungsplatz (EU-Ziel wären 33%). Ein Fixplatz kann heute nur für Fünfjährige garantiert werden – entsprechend lang sind die Wartezeiten für alle Jüngeren.
  • 70.000 neue Plätze hätten bis 2010 geschaffen werden müssen, damit Österreich das EU-Ziel erreicht und ausreichend frühe und ganztägige Betreuung anzubieten hätte. Entstanden sind aber in den letzten Jahren nur 17.621 Plätze.

Volksschule oder Sonderschule?



Auch wenn die Primarstufe als die einzige Gesamtschule Österreichs gilt – auch hier wird schon selektiert.
  • 1,1% der Kinder müssen in eine Sonderschule, anstatt sie mithilfe sonderpädagogischem Personals in die Regelschule zu integrieren.
  • Oft genügen einfache Lernschwächen oder Sprachdefizite in Deutsch als Rechtfertigung für eine Sonderschuleignung, weil in den Volksschulen zu wenig Personal zur Verfügung steht, mit speziellen Bedürfnissen konstruktiv umzugehen.
  • Eine UN-Konvention hat 2010 die Sonderschulen wegen ihrer ausgrenzenden Effekte für menschenrechtswidrig erklärt.

Hauptschule oder Gymnasium?



Die prägendste Selektion passiert in Österreich schon mit 10 Jahren. Dieser Übergang belastet das Leben von Schülern, Eltern und Lehrern bereits im Vorfeld mit einem riesigen Erwartungsdruck und Versagensangst.
  • 30,3% aller Kinder besuchen die AHS-Unterstufe. Von den 66,7%, die eine Hauptschule (HS) besuchen, erlangt im heutigen System nur ein Drittel dann noch die Hochschulreife.
  • Der Bildungshintergrund der Eltern ist der Hauptfaktor für die Entscheidung zwischen AHS und HS. Nur ein Viertel der Kinder sind »Bildungsaufsteiger« das ist der dritt-niedrigste Wert unter elf EU-Ländern.
  • Manche Tests zeigen, dass selbst das Argument der besseren Leistung der AHS-Schüler nicht stimmt: Vergleicht man die jeweils drei HS-Leistungsgruppen und die AHS-Unterstufe, so gibt es zwischen allen Gruppen Überlappungen – auch zwischen Gymnasium und dritter Leistungsgruppe. Studien zeigen, dass im Gegenteil die Leistung der Kinder der Faktor mit der geringsten Auswirkung bei der Schulentscheidung ist.

Lehre oder Weg zur Matura?



Hier zeigt sich, dass die Entscheidung nach der Volksschule bereits den Bildungsweg vorherbestimmt hat.
  • Theoretisch stehen Hauptschulabsolventen und -absolventinnen noch alle Türen offen. Praktisch aber wechselt nur ein gutes Drittel von ihnen in eine höhere – meist berufsbildende – Schule (BHS), oft nur für ein Jahr zum Abschluss der Schulpflicht.
  • 27,8% aller Hauptschüler besuchen anschließend den Polytechnischen Lehrgang und sind damit bereits mit 14 Jahren auf das unterste Einkommenssegment festgenagelt.
  • In der Sekundarstufe 2 (14-19jährige) ist die Zahl der Sitzengebliebenen und der Schulabbrecher besonders hoch und trifft vor allem Jugendliche aus bildungsfernen Schichten, die sich keine Nachhilfe leisten können.
  • Kinder von Pflichtschulabsolventen haben eine 30 Mal geringere Chance auf Matura als Akademikerkinder.

Reich genug fürs Studium?



Nur 39,3% der Jugendlichen erreichen in Österreich überhaupt die Hochschulreife. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass für sie der Weg in die Universität geebnet ist.
  • Junge Menschen mit BHS-Matura – großteils die früheren Hauptschüler – schließen vergleichsweise selten eine tertiäre Ausbildung an, und wenn, dann bevorzugen sie die weniger prestigeträchtigen Fachhochschulen.
  • Die soziale Zusammensetzung der Universitäten spiegelt damit vor allem die Selektion des Schulsystems wider – selbst in den langen Jahren des »offenen Hochschulzugangs« hat sich der Anteil von Studierenden aus bildungsfernen Familien nicht erwähnenswert erhöht.
  • Von 1998 bis 2009 (schließt die Zeit der flächendeckenden Studiengebühren ein) ist die Anzahl der Studierenden aus niedrigen Herkunftsschichten von 26,2% auf 18,6% gesunken, während jene aus gehobenen und hohen Schichten von 46,2% auf 50,6% gestiegen ist.
  • Neben Studiengebühren sortieren auch Zugangsbeschränkungen ärmere Maturantinnen und Maturanten aus: Nach Einführung des »Eignungstests« für Medizin stieg z.B. das Verhältnis zwischen höheren und niedrigeren Schichten von 1:3 auf 1:6 an – Trainingskurse im Vorfeld kosten bis zu 800 Euro.

Erfolgreiche Mädchen



Sowohl in höheren Schulen als auch an den Unis sind junge Frauen inzwischen in der Mehrheit. Doch mit Beginn des Erwerbslebens wendet sich das Blatt: Ab 25 Jahren fällt ihre Bildungsbeteiligung drastisch ab und sie brechen häufiger Ausbildungen ab als Männer – mit der Mehrfachbelastung in Familie und Beruf holt sie das alte Rollenbild wieder ein. Dann macht ihr Lohn trotz besserer Ausbildung nur 60% der Männereinkommen aus.

Migration und Zweisprachigkeit ein Defizit?



Kind von Migranten zu sein reicht im österreichischen Schulsystem, um als »Risikofall« zu gelten. Obwohl 2006 jedes fünfte Kind eine Zweitsprache beherrschte, wird dieses Potential bis heute nicht durch muttersprachlichen Unterricht oder zweisprachige Alphabetisierung genutzt. Stattdessen werden Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund auf ihre anfänglichen Sprachprobleme reduziert und vermehrt in Sonderschulen und Hauptschulen abgeschoben. Sie müssen überproportional oft eine Klasse wiederholen. Ihre Chancen auf Matura und Studium sind damit besonders gering.

Armut ist größtes Bildungshemmnis



Kindergärten sind großteils mit hohen Gebühren verbunden. Auch der Schulbesuch kostet: Bücher und Busfahrten sind nur zum Teil staatlich gedeckt. Die Einschulung bringt pro Kind durchschnittlich 118 Euro an »Materialkosten« mit sich – und die Preise für Hefte, Stifte und Co. steigen jedes Jahr (von 2008 auf 2009 z.B. um 7,7%).

Wer es an die Hochschulen schafft, wird durch Studiengebühren, fehlende Familienbeihilfen und die Verschulung des Studiums (mit weniger Zeit für Nebenjobs) belastet. Mit Einführung der Studiengebühren 2001 begannen 7,7% weniger Jugendliche aus bildungsfernen Schichten ein Studium.

Und es ist ein Teufelskreis: Die Einkommensunterschiede zwischen höchster und niedrigster Bildungsebene sind in Österreich im EU-Vergleich am größten. Menschen, die nur die Pflichtschulen absolviert haben, sind bei Einkommen und Beschäftigung in einer besonders prekären Lage – und diese zwingt sie dazu, ihren geringen Bildungsstand zu vererben.

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