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Soziales | Arbeitskampf | Wirtschaft | Geschichte | Theorie
November - 2010 Seit Wochen erschüttern Streiks gegen die Pensionsreform des konservativen Premierministers Nicolas Sarkozy ganz Frankreich. Griechenland erlebt eine beispiellose Protestwelle gegen das Sparpaket. Die Arbeiterinnen- und Arbeiterklasse, lange tot gesagt, erlebt ein eindrucksvolles Comeback. Aber wie stark ist sie wirklich? Und warum soll ausgerechnet die Arbeiterklasse eine gerechtere Welt erkämpfen können, wie Marxisten immer behaupten? Eine Bestandsaufnahme von Katharina Lampe. Grösser denn jeNoch nie in der Geschichte des Kapitalismus zählten so viele Menschen zur Arbeiterklasse wie heute: Von 6,9 Milliarden Menschen, die die Erde bevölkern sind mittlerweile 2 Milliarden Arbeiterinnen und Arbeiter, schätzt Chris Harman in »Workers of the World«. Harman bezog sich bei seiner Schätzung auf die Studie »World at Work« für die Weltbank aus dem Jahr 1995. Die jüngsten Daten für die OECD, also die Staaten mit entwickelter kapitalistischer Wirtschaft bestätigen diesen Befund: 2009 betrug die Zahl der erwerbstätigen Bevölkerung in diesen Ländern 526,6 Millionen Menschen, davon 20,8 Millionen in der Landwirtschaft, 100,7 Millionen in der Industrie (inkl. Bauwirtschaft) und 353,6 Millionen im Dienstleistungssektor. Der Anteil der Selbständigen beträgt im Produktions- und Dienstleistungsbereich rund 13 Prozent, in der Landwirtschaft dagegen 72 Prozent. Bleiben an Lohnabhängigen 87,6 Millionen in der Industrie, 307,6 Millionen im Dienstleistungsbereich und 5,8 Millionen in der Landwirtschaft. Insgesamt gibt es also 401 Millionen Lohnabhängige. LohnabhängigeHarman bemerkt richtig: »Zu diesen ,abhängig Beschäftigten’ zählen allerdings nicht nur Arbeiter. So bezieht ein Teil der Bourgeoisie enorme Managergehälter und eine Ebene darunter findet sich der neue Mittelstand, der weniger Wert schafft, als er als Lohn erhält, um zu helfen, die Masse der Arbeiter zu kontrollieren.« Dieser Anteil wird aber durch den inzwischen massiv angewachsenen Anteil von Scheinselbständigen aufgewogen. Dazu kommt, dass die meisten Bauern nicht allein von der Landwirtschaft leben, sondern zusätzlich einer Lohnarbeit nachgehen. Insgesamt kann man also von 401 Millionen Lohnabhängigen allein in den entwickelten Industriestaaten ausgehen. Wie groß ist die Zahl der Arbeiter in den weniger kapitalistisch entwickelten Ländern: Der Anteil der OECD-Staaten an der weltweiten Produktion beträgt rund 70 Prozent. An Industriearbeitern stellen die OECD-Staaten weltweit 40 Prozent. Daher ist es eine gute Näherung zu sagen, dass es in den Entwicklungsländern noch einmal ca. 400 Millionen Arbeiter gibt. Weltweit gibt es also rund 800 Millionen Lohnabhängige. Hinzugerechnet werden müssen aber auch Arbeitslose und Familienangehörige, wie Kinder und Alte. Harmans Schätzung der weltweiten Arbeiterklasse auf 2 Milliarden Menschen dürfte also sogar noch konservativ sein. Am aufsteigenden AstWeltweit ist die Zahl der Arbeiter im Steigen. Dieser Befund gilt gerade für die entwickelten Länder, allen Unkenrufen von der Kapitalflucht zum Trotz: Derzeit beträgt die Zahl der Erwerbstätigen in den OECD-Staaten 526,6 Millionen. Im Jahr 2000 waren es erst 489,1 Millionen Menschen, 1990 erst 439 Millionen. Exemplarisch für die Entwicklung seit den 1950er Jahren seien hier die Zahlen für die USA angeführt (für die gesamte OECD nicht vorhanden): Die Zahl der Beschäftigten stieg von 62 Millionen im Jahr 1955 auf 139,9 Millionen Menschen 2010. In einigen Entwicklungsländern ist der Anstieg sogar noch größer. In China stieg die Erwerbsbevölkerung von 258,8 Mio. im Jahr 1952 auf 769,9 Millionen Menschen im Jahr 2007, also um das Dreifache. Allein mit dem Bevölkerungswachstum ist das nicht erklärlich, die Bevölkerung wuchs lediglich um das Doppelte, von 667 Millionen Menschen 1969 auf 1,324 Milliarden. Dass die Arbeiterklasse also an Bedeutung zunimmt, gilt umso mehr für die Industrienationen mit ihrem vergleichsweise schwächeren Bevölkerungswachstum. Das zeigt nicht zuletzt ein Blick auf Österreich: Hier stieg die Zahl der Erwerbstätigen von 2,976 Millionen Menschen im Jahr 1969 auf 4,078 im Jahr 2009. Industrie & DienstleistungenAber kann man die Beschäftigten im Dienstleistungssektor wirklich auch zur Arbeiterklasse zählen? Muss ein Arbeiter nicht am Hochofen schwitzen statt sich vorm PC zu krümmen? Der Fehler bei dieser Betrachtungsweise besteht darin, Arbeiterklasse als soziologische und nicht als ökonomische Kategorie aufzufassen. Also statt der Funktion einer Tätigkeit im Wirtschaftssystem Fragen des Lebensstils heran zu ziehen. Karl Marx selbst verwendete die Arbeiterklasse primär als ökonomische Kategorie: Solange der Kapitalist das Arbeitsprodukt verkaufen kann und daher Mehrwert aus der Produktion schöpfen kann, spielt es überhaupt keine Rolle, ob es sich dabei um ein Stahlprofil, ein Computerprogramm oder ein sauberes Zimmer für eine Urlaubsreise handelt. Der überwiegende Anteil der Angestellten und der Beschäftigten im Dienstleistungssektor zählt daher rein ökonomisch betrachtet genauso zur Arbeiterklasse auch wenn sich viele Angestellte selbst gar nicht als Arbeiter bezeichnen würden. Für die Industrie-Arbeiter legen die Statistiken zwar nahe, dass sie weniger werden – allerdings bei weitem nicht in dem Ausmaß, dass man von einem Wandel hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft sprechen könnte: Im Jahr 2000 gab es in den OECD-Staaten 122,8 Millionen Beschäftigte in der Industrie, 2008 ein Jahr vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise waren es noch immer 118,9 Millionen, 2009 110 Millionen. Die Zahlen für Österreich: 1956 waren 1,244 Millionen Menschen in der Industrie beschäftigt, 2009 waren es immer noch 1,037 Millionen. Und das obwohl die Nachbarländer des ehemaligen Ostblocks ähnlich gute Investitionsbedingungen bieten was Infrastruktur und Bildungsstand der Arbeitskräfte anbelangt. Der Rückgang der Industriearbeiter in den OECD-Staaten hat aber ohnehin mehr mit der gestiegenen Produktivität zu tun: Eine geringere Anzahl von Arbeitskräften produziert wesentlich mehr Güter als noch vor 30 Jahren. In den OECD-Staaten nahm die Produktivität in der Industrie von 1973 bis 1990 um durchschnittlich je 2,8 Prozent zu. Daraus kann man nicht auf eine geschwundene Bedeutung der Industrie schließen, eher im Gegenteil. Dem geringfügigen Rückgang der Industriearbeitsplätze in den alten Zentren steht ein ungleich höheres Wachstum an in manchen Entwicklungsländern gegenüber, die nur in Teilbereichen durch den »Umzug« des Kapitals erklärbar sind. IrreführungBei genauerer Betrachtung ist aber die Unterscheidung zwischen Industrie und Dienstleistungen überhaupt irreführend, wie Harman erklärt: So fällt etwa das gesamte Transportwesen in die Kategorie Dienstleistung, obwohl gerade in der Industrie viele Einzelteile oft über den gesamten Globus verschifft werden. Viele Arbeiten die früher der Industrie zugerechnet wurden, fallen heute in den Dienstleistungssektor, obwohl das Ergebnis dasselbe ist: Ein Setzer an der Druckerpresse zählte früher zum Industrieproletariat, ein Layouter am PC heute zählt zum Dienstleistungssektor. Die Daten werden aber auch massiv durch Ausgliederungen verfälscht: Das Kantinenpersonal und der Werkschutz in einer Fabrik wurden früher der Industrie zugerechnet. Übernimmt heute eine externe Firma diese Aufgaben, zählen diese plötzlich als Dienstleistungen. Harman zitiert den Wirtschaftswissenschaftler R. E. Rowthorne mit der Schlussfolgerung, dass, bezieht man all diese produktionsbezogenen Dienste mit ein, in den entwickelten Ländern zwei Drittel aller Arbeitsplätze der Industrie zuzurechnen sind. Mythos KapitalfluchtDie Auslagerung der Produktion in die Entwicklungsländer wird stark überschätzt. Kapital ist nicht nur ein Betrag auf einem Bankkonto, das man auf ein anderes am anderen Ende der Welt transferieren kann. Kapital hat eine im Gegenteil sehr körperliche Form: Maschinerie, Produktionshallen, Bürokomplexe. All das kann man nicht so einfach in ein paar Umzugskartons packen. Industrie braucht Infrastruktur: Eine sichere Wasser- und Energieversorgung, ein verlässliches Verkehrsnetz, ein funktionierndes Rechtssystem, in dem Verträge wirksam einklagbar sind, eine verlässliche Währung – all das gibt es im oberösterreichischen Steyr, in Freetown in Sierra Leone nicht. Abgesehen davon, dass die Arbeitskräfte auch kaum die richtige Ausbildung hätten. Der überwiegende Teil der Entwicklungsländer hat daher in den vergangenen 30 Jahren sogar eher einen wirtschaftlichen Niedergang erlebt. Nur bestimmte Bereiche sind aus den alten Industriezentren abgewandert: Die Textilbranche benötigt an Maschinerie nur Nähmaschinen, Bügeleisen und Scheren. Die Arbeit kann von Angelernten verrichtet werden, die Produkte sind leicht zu transportieren. Teile der Informationstechnologiebranche sind ebenfalls abgewandert, aber nicht weil die Arbeitskräfte zu teuer waren, sondern weil sie in den 1990er Jahren im Zuge des New Technology Booms in den alten Industriezentren nicht in ausreichender Zahl vorhanden waren. Aber die Firmen haben nicht auf die grüne Wiese expandiert: IT-Zentren wie das indische Bangalore hatten zuvor eine entsprechende Infrastruktur, weil der Staat seit den 1960er Jahren dort in Prestigeprojekte in der Raumfahrt investiert hatte. Außerdem bildeten die Universitäten genügend Fachkräfte aus. Bis auf diese Ausnahmen findet der Umbau der Industrie in den alten Industrieländern statt, wo die Arbeiterklasse stärker denn je ist. Nur Arbeiter können Welt verändernAber warum ist Arbeiterklasse überhaupt so zentral für Sozialistinnen und Sozialisten beim Aufbau einer gerechten Gesellschaft? Der größte Teil der Menschheit trägt mit seiner Arbeit in der einen oder anderen Weise zum Erhalt eben dieser Menschheit bei. Es sind dies Arbeiter und Bauern. Der verschwindend kleine Rest lebt vom Arbeitsprodukt der anderen und ist in letzter Konsequenz nur an Gewinnmaximierung interessiert, weil er sonst von der Konkurrenz verdrängt würde. Bauern können im Notfall für sich selbst sorgen und brauchen niemand anderen. Arbeiter stellen zwar nicht die Mehrheit der Menschheit, die besteht nach wie vor aus Bauern. Aber nur Arbeiter können eine solidarische Gesellschaft aufbauen, weil sie einerseits die Macht haben, mit Streiks das herrschende politische System wirkungsvoll heraus zu fordern und aber andererseits in einer arbeitsteiligen Wirtschaft voneinander abhängig sind und daher langfristig nur gemeinsam und demokratisch ihre Interessen durchsetzen können. Dass das nicht automatisch geschieht, liegt daran, dass der kleine Teil der Menschheit, der vom Arbeitsprodukt der anderen lebt, diese Mehrheit wirkungsvoll kontrolliert: Die Arbeitsmittel gehören nicht den Arbeitern selbst. Sie sind Privateigentum der Kapitalisten und dieser Zustand wird von den Gesetzen, genauer dem Staat in Gestalt der Gerichte und der bewaffneten Polizei geschützt. Auflehnung dagegen wird unterdrückt oder nach dem Prinzip »Teile und Herrsche« durch Rassismus und Frauenunterdrückung in andere Bahnen umgelenkt. Und nicht zuletzt wurde die Arbeiterklasse in Leitartikeln in Qualitätszeitungen, an den Universitäten und mithilfe einer Unzahl von Experten einfach für tot erklärt, in der Hoffnung, sie käme nie wieder auf die Idee sich zusammenzuschließen und herauszufinden: Eigentlich sind wir diejenigen, die das ganze Getriebe am Laufen halten! Zu allen Artikeln dieser Ausgabe Weiterführende Artikel:
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