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Wirtschaft | Imperialismus | Literatur
März - 2010 Der Aufstieg des Katastrophen-KapitalismusMit ihrem Buch von 2007 erklärt die »Ikone« der globalisierungskritischen Bewegung, Naomi Klein, was New Orleans oder Sri Lanka bereits widerfahren ist, und was Haiti wahrscheinlich noch bevorsteht – der »Katastrophen-Kapitalismus«. Ihre Theorie geht davon aus, dass unpopuläre neoliberale Politik schwer gegen den Widerstand der Bevölkerung durchzusetzen ist. Deshalb müssen Ökonomen und Politiker der Schule Milton Friedmans, dem radikalen Prediger des freien Marktes, neue Strategien zu ihrer Umsetzung entwickeln: Sie nutzen gesellschaftliche »Schockzustände« – etwa nach Naturkatastrophen, in schweren ökonomischen Krisen oder nach politischen Putschs und Kriegen – um die traumatisierten Menschen mit einer Welle neoliberaler Reformen, die zu totalem Ausverkauf und Verarmung führen, zu überrumpeln. Damit entlarvt Klein das undemokratische Wesen des »freien« Marktes, der sich nur da mit rasanter Geschwindigkeit völlig durchsetzen kann, wo jegliche Opposition durch brutale Unterdrückung ausgeschaltet ist, oder wo die Menschen damit, ihr Überleben zu sichern, schon genug beschäftigt sind. Beispiele, Daten und Fakten nennt die Autorin dazu in einem fast erschreckenden Ausmaß: Angefangen bei Militärputschs in Südamerika, die von einer in den USA ausgebildeten Elite mit ausgelöst und samt Repression und Folter durchgesetzt wurden; über die wirtschaftlichen Programme, die den Ländern der ehemaligen Sowjetunion bzw. des Ostblocks, von Bush I und Clinton nahe gelegt wurden und dann mit brutaler Härte die Bevölkerung in die Armut getrieben haben; bis hin zu Naturkatastrophen wie Hurricane Kathrina oder dem Tsunami 2004, nach denen zerstörte Infrastruktur und Siedlungen nur unter profitorientierten Vorzeichen wieder aufgebaut wurden. Als trauriges Ergebnis dieser erfolgreichen Strategie sieht Naomi Klein z.B. den Krieg gegen den Irak, wo bewusst ein Schock ausgelöst wurde, um der expandierenden, privaten Sicherheitsindustrie einen neuen Markt zu öffnen. All das belegt sie mit Zahlen, Erfahrungsberichten und Regierungsdokumenten, die nicht nur die Partnerschaft zwischen kapitalistischer Expansion und Folterregimes aufdecken. »Die Schockstrategie« ist ein Buch, das man – hat man es einmal gelesen – am liebsten jedem Passanten auf der Straße in die Hand drücken würde. Unterhaltsam geschrieben stattet es seine Leser und Leserinnen mit fundierten Argumenten und Beispielen aus, die beweisen, dass Kapitalismus und Demokratie (oder wahlweise: Kapitalismus und Freiheit/Selbstbestimmung/Menschenrechte…) nicht zusammenpassen. Leider erkennt die Autorin das selbst wenig – sie kann sich, bei allem Verständnis, dass Alternativen nur von unten erkämpft werden können, nicht dazu durchringen, das Wirtschaftssystem an sich in Frage zu stellen. Ihre Vision einer Kombination von Markt und Sozialismus hat sie dabei eigentlich in ihrem eigenen Buch widerlegt. Und trotzdem: »Die Schockstrategie« ist eine unbedingte Empfehlung, die gleichzeitig eine unglaubliche Wissens-Bereicherung und eine motivierende Aufforderung zum politischen Aktiv werden ist! Von Hannah Krumschnabel. Taschenbuch; Fischer; 13,40 EUR; 768 Seiten ISBN-10 3596174074 www.fischerverlage.de Zu allen Artikeln dieser Ausgabe Weiterführende Artikel:
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