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Arbeitskampf | Wirtschaft | Theorie

März - 2003    
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Sweatshop-Halle einer Näherei von Nike

Immer wieder kann man vom Ende oder vom Absterben der ArbeiterInnenklasse hören. Wesentlicher Motor dafür ist die Ideologie der Postmoderne. Das Ideenspektrum der Postmoderne reicht vom neoliberalen Francis Fukuyama und dem Ende der Geschichte, über die 3. Weg Sozialdemokratie und dem Weg der Mitte bis hinein in linksradikale Spektrum rund um Tony Negri und dem Empire.

Diese Akteure eint der Glaube an eine grundsätzliche Wandlung des Kapitalismus mit dem Ende des Kalten Krieges. Wesentlicher Bestandteil des postmodernen Weltbildes ist die Theorie über eine postindustrielle Gesellschaft, welche behauptet, dass ein Übergang stattgefunden hätte von einer Ökonomie, die auf industrieller Massenproduktion aufbaut zu einer, in der Information, Kommunikation, Wissen und Forschung zu den treibenden Kräften des Wachstums geworden seien und folglich dieser Entmaterialisierung von Gesellschaft kein dem Kapitalismus grundlegender Widerspruch zwischen gesellschaftlichen Kräften besteht. Es gibt keine Klassen mehr, alle sind gleich.

Negris Traum von der Postmoderne



Tony Negri, der bedeutendste Theoretiker der Autonomen, schildert seine Vorstellungen der postmodernen Gesellschaft in seinem Buch Empire. Durch den Zusammenbruch der stalinistischen Regime gibt es keine abgegrenzten Produktionssphären, wie Nationalstaaten aber auch Lebensbereiche mehr, sondern alles ist verschmolzen. Macht konstituiert sich in fluiden Netzwerken, dem Empire. Dieses Empire hat kein Zentrum es ist überall und nirgendwo besonders. Dieser postmoderne Ansatz zur Beschreibung des Kapitalismus wurde und wird sehr oft zum Anlass genommen vom Absterben der ArbeiterInnenklasse zu sprechen, weil sich das Wesen der Arbeit es handele sich jetzt um immaterielle Arbeit und durch die Vergesellschaftung und Intellektualisierung verändert hat. Somit fehlt die materielle Basis für die Existenz von Klassen, so Negri.

Postfordismus



Die Motivation für die Einführung eines neuen Arbeits-Begriffs war die Behauptung, dass wir uns derzeit nicht mehr in einem fordistischen Zeitalter befinden sondern in dem des Postfordismus. Fordismus ist ein System der industriellen Massenproduktion von standardisierten Produkten, welches geprägt ist von Fließbandtechnologie und einer tayloristischen Arbeitsorganisation. Aus einem postmodernen Ansatz argumentiert Negri, dass heute die immaterielle Arbeit das Gesellschaftsprägende sei. Immaterielle Arbeit, verstanden als intellektuelle, affektivemotionale und technowissenschaftliche Arbeit sei geformt von Informations und Kommunikationsarbeit zur Vermarktung von Waren sowie Dienstleistungs und Imagearbeit. Aus der Arbeit, so argumentiert Negri, wurde nach und nach eine Beschäftigung, dessen Wert nicht mehr von der tatsächlichen Beteiligung an der Reichtumsproduktion abhängt. Die ArbeiterIn brauche heute keine Arbeitsmittel (d. h. fixes Kapital) mehr, die ihr vom Kapital zur Verfügung gestellt werden. Das wichtigste fixe Kapital, dasjenige, von dem die Unterschiede in der Produktivität abhängen, befindet sich nunmehr in den Gehirnen der arbeitenden Menschen: Das ist die Werkzeugmaschine, die jede-R von uns in sich trägt. Das ist etwas völlig Neues im produktiven Leben von heute. Für Negri ist die Grundlage der Produktivität nicht mehr die Investition das Kapitals, sondern die Investition des vergesellschafteten menschlichen Gehirns. Die Reichtumsproduktion beruhe daher heute vollständig auf der größtmöglichen Freiheit und auf dem Bruch mit der Fabrikdisziplin, auf der maximalen Freiheit der Arbeit.

Negris Analyse der Klassenzusammensetzung erfolgt aber nicht auf der Basis der Erkenntnis sondern auf dem metaphysischen Ansatz der gesellschaftlichen ArbeiterIn. Einer multinationalen und finanzkapitalistischen Bourgeoisie (die keinen Grund sieht, warum sie die Last eines nationalen Wohlfahrtssystem tragen sollte) steht ein vergesellschaftetes, intellektuelles Proletariat gegenüber, das einerseits einen Reichtum von neuen Bedürfnissen besitzt und andererseits nicht in der Lage ist, den fordistischen Kompromiss weiter aufrechtzuerhalten. Diese Entwicklung sowie die Überwindung der Blockrivalitäten haben also dem Kapitalismus ein grundsätzlich neues Gesicht verpasst und die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse allgemein, aber eben auch den Motor für Gesellschaftsentwicklung verändert.

Multitude



Negri argumentiert, dass die Arbeit von ihrer politischen Macht getrennt worden ist. Diese politische Macht sei von der Neuzusammensetzung der ArbeiterInnen in den Fabriken ausgegangen und hatte sich innerhalb von gewerkschaftlichen und politischen Strukturen organisiert. Die Zerstörung dieser Strukturen, so Negri, hat eine formlose Masse von ProletarierInnen hinterlassen, die im Territorium herumirren: Ein wahres Gewimmel, das durch seine ständige Kollaboration und Kooperation den Reichtum produziert. Für die Postmoderne ist das Subjekt, das eine Revolution vollbringen soll deswegen keine ArbeiterInnenklasse mehr, sondern eine Multitude, eine (un) endlose und formlose Masse, die um verschiedenen Punkte kämpft, ohne dass eine Koordinierung möglich oder notwendig wäre. Das ist aber genau der Ansatz der Autonomen, genauer gesagt, der italienischen Autonomia Operaia, deren Entwicklung untrennbar mit der Entwicklung von Negris Thesen war. Die Autonomia Operaia war ideologisch heterogen, agierte räumlich verstreut, organisatorisch im Fluss und war politisch marginalisiert. Für Negri und Hardt sind die Kämpfe unkommunizierbar eine Behauptung allerdings, die seitdem sich die antikapitalistische Bewegung formiert hat, alt aussieht. Hardt und Negri lösen die moderne ArbeiterInnenklasse in der Multitude auf. In dieser Multitude fassen sie alle durch das Empire benachteiligten sozialen Gruppen zusammen, ohne aber zu verstehen, dass bestimmte unterdrückte Menschen die ArbeiterInnenklasse eine größere gesellschaftliche Macht besitzen als andere.

Negris Fehler



Bei der Analyse der Tendenz des westlichen Kapitalismus von einer klassischen Industriegesellschaft hin zu einer verstärkten Dienstleistungs und Servicegesellschaft unterliegt Negri zwei grundlegenden Fehlern, auf welchen er sein Konstrukt des Empires aufbaut. Einerseits macht er aus aktuellen oder regionalen Entwicklungen im Kapitalismus langfristige und globale Theorien, andererseits geht er von einer falschen Definition der ArbeiterInnenklasse aus. Auch eine Wissensgesellschaft basiert weiter auf industrieller Massenproduktion! Es stimmt, dass der Dienstleistungsbereich in den westlichen reichen Industriestaaten wächst. Aber es arbeiten z. B. in den USA heute ebenso 20.000 Menschen mehr in der Automobilindustrie als 1979. In Bangladesh gibt es 1 Million mehr TextilarbeiterInnen. Negri behauptet mit Recht, dass sich die Arbeit verändert, doch schon immer war der Kapitalismus durch die Konkurrenz einem ständigen Wandel unterworfen. Damit verändert sich aber nicht die Bedeutung der Beschäftigten.

Auch in A. Gorz Buch Abschied vom Proletariat wird mit dem Argument der Dienstleistungsgesellschaft der Niedergang der industriellen ArbeiterInnenklasse beschrieben. Doch diese These ist nicht haltbar: Erstens ging die Zunahme des Dienstleistungsanteils vor allem auf Kosten der Landwirtschaft, deren Anteil in allen Ländern seit der Zwischenkriegszeit kontinuierlich sinkt. Ein weiteres wichtiges Faktum ist, dass die relative Abnahme der Industriebeschäftigung in vielen reichen Ländern vor allem den Verlust an internationaler Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder reflektiert und keine globale Verschiebung der Proportionen zuungunsten der Industrie. Im selben Zeitabschnitt, wo der Anteil der Industriebeschäftigung etwa in den USA um 6% zurückging, stieg er nämlich z. B. in der Türkei um 65%, in Ägypten um 179%, in Brasilien um 212% und um unglaubliche 2500% in Südkorea. Heute gibt es mehr industrielle ArbeiterInnen als jemals zuvor in der Geschichte. Diese Fakten zeigen, dass die Diskussion um Fordismus/Postfordismus eine künstlich indizierte ist, denn es ist nicht entscheidend, ob eine Ware materiell ist oder nicht. Im Kapitalismus ist all das eine Ware, was auf dem Markt zu Geld gemacht werden kann auch Informationen oder Dienstleistungen. Immaterielle Arbeit gehört auch zur kapitalistischen Warenproduktion. Negri konstruiert zwar eine globale Theorie, hat aber nur die Entwicklung der reichen Industriestaaten berücksichtigt, während global die Zahl der industriellen ArbeiterInnen stets weiter wächst.

Definition von Klasse



Indem Negri der Veränderung der Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse hin zum Dienstleistungssektor fundamentale Bedeutung zumißt, unterliegt er der klassischsten aller Marx´schen Fehlinterpretationen, nämlich ArbeiterInnenklasse ist gleich IndustriearbeiterInnen. Die ArbeiterInnenklasse hat viele Gesichter. Sie besteht nicht nur aus Männern im Blaumann, wenngleich diese natürlich zu Marx´ Zeiten die ArbeiterInnenklasse prägte. Die Klassenzugehörigkeit einer Person wird von der Stellung, die er oder sie im Produktionsverhältnis innehat, bestimmt, entweder Unterdrücker oder Unterdrückter und entweder Besitz oder kein Besitz an den Produktionsmittel. All jene, die durch ihre Lebensumstände gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen und die im Arbeitsprozeß dem ständigen Druck des Unternehmers ausgesetzt sind, der danach trachtet, das Maximum an unbezahlter Arbeit aus ihnen zu pressen sind Teil der gleichen Klasse. Marx zählt jeden, der regelmäßig seine Arbeitskraft zur Verfügung stellen muß, um überleben zu können, zur ArbeiterInnenklasse, auch wenn er/sie nicht manuell tätig ist. Somit spielt es keine Rolle ob mensch im Callcenter oder am Hochofen der VOEST arbeitet, schließlich verkauft er oder sie an beiden Arbeitsstätten seine Arbeitskraft an den Unternehmer, egal ob dies der Staat oder ein Privater ist, und ist dessen Druck ausgeliefert.

Konsum und Klasse



Nicht nur die Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse hat sich verändert, auch der Lebensstandard und Wohlstand breiterer Schichten, zumindest in der westlichen Welt, hat sich massiv verbessert schließlich kann sich heute so gut wie jeder einen Fernseher, ein Auto usw. leisten. Eine riesige, amorphe über den Konsum definierte Mittelschicht ist entstanden. Selbst in der Sozialdemokratie hat sich spätestens seit Tony Blairs New Labour in England die Ansicht durchgesetzt, daß Wahlen nur im Ringen um die sogenannte Neue Mitte gewonnen werden können. Gerhard Schröder defeniert sich sogar als Kanzler der Mitte. Der Grund dafür ist allerdings nicht das Verschwinden der ArbeiterInnenklasse, sondern die logische Weiterentwicklung der Klasse und der Gesellschaft. Der Anstieg des allgemeinen Wohlstandes bei gleichzeitigem Anwachsen der Schere zwischen Arm und Reich ist eine natürliche Entwicklung des Kapitalismus. Technologischer Fortschritt und die Schaffung großer Absatzmärkte haben dazu geführt. Es wäre ja völlig unrentabel, wenn die durch den technologischen Fortschritt produzierten Waren nur für die Minderheit der Kapitalisten produziert würden. Es ist ein Trugschluß, die arbeitende Klasse über den Konsum zu definieren und dadurch die Aufteilung der Gesellschaft in Unterdrücker und Unterdrückte für nicht existent zu erklären.

Der Kapitalismus hat seit Marx´ Analysen sein Wesen nicht verändert und auch die Steigerung des allgemeinen Wohlstandes, welcher allerdings in keinem Verhältnis zum Auseinanderdriften der Schere zwischen Arm und Reich steht, basiert noch immer auf der Ausbeutung der Mehrheit zu Gunsten einer Minderheit. Gerade der Wandel von einer Mangel zu einer Wohlstandsgesellschaft durch den Kapitalismus hat die Chance für eine neue klassenlose Gesellschaftsform mit einer gerechten Verteilung des Wohlstandes eröffnet.

Machtvoll & Global



Die Arbeiterklasse hat dabei die Macht, das bestehende System zu stürzen. Sie ist einerseits eine kollektive Kraft und sitzt andererseits an der ökonomischen Basis von Macht, schließlich sind sie es, die die Profite der KapitalistInnen und die Ressourcen unserer Gesellschaft produzieren. Mit einem Streik können sie ganze Nationalstaaten lahmlegen, wie es etwa gerade in Italien passiert ist. Ein Studentenstreik bleibt erstmals bloß ein Protest, heimarbeitende EDV-ArbeiterInnen sind isoliert und relativ machtlos. Tagtäglich arbeiten aber Millionen in Versicherungsfirmen, Fabriken, Call-Centern oder Krankenhäusern zusammen. Sie haben ähnliche Arbeits und Lebensbedingungen und zwangsläufig gleiche Interessen. Sie sind im Unterschied zu Marx´ Zeiten heute global. Der Job eines Autoarbeiters bei VW do Brasil ist nicht sehr viel anders als bei Opel in Wien. Die globale ArbeiterInnenklasse ist die übergroße Mehrheit der Weltbevölkerung. Heute ist die ArbeiterInnenklasse in Südkorea so groß wie zu Marx Zeiten auf der ganzen Welt. Der Kapitalismus hat mit der ArbeiterInnenklasse seine eigenen Totengräber geschaffen. Es gilt, dieses Potential zu nutzen.

von Harald Schwab & Reinhard Lang

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