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Wirtschaft | Theorie
Juni - 2002 Betrachtet man die Kommentare nach dem G8-Treffen in Genua, läßt sich eine breite Zustimmung zu den Argumenten der AntikapitalistInnen erkennen. Längst hat die Öffentlichkeit erkannt, dass der Hunger dieser Welt nicht nur auf Naturkatastrophen zurück zu führen ist, sondern auf die ungerechte Verteilung der Ressourcen – dass die permanente Umweltzerstörung Folge von profitgierigen Großkonzernen ist – dass der Kampf gegen Krankheiten, wie zum Beispiel AIDS, von Machtzentren wie z.B. der Pharmaindustrie sabotiert wird. Viele spüren, dass weltweit Profite vor Menschen gestellt werden und empfinden es als Bedrohung der eigenen Existenz. Sie glauben den Versprechungen der Großkonzerne und Regierungen nicht mehr, es wächst eine breite, diffuse Stimmung gegen die alles dominierende Kapitalherrschaft. Trotzdem fehlt den meisten Menschen ein Ansatzpunkt für konkretes Handeln. »Ich selbst kann doch eh nichts verändern, Wir sind doch nur alle kleine Rädchen in dieser unbezwingbaren Maschinerie , Wo soll ich denn bloß anfangen gegen die Ungerechtigkeiten zu kämpfen?« , und Wut über die herrschenden Verhältnisse schlägt in Resignation um. Wie kommt es zu diesem mangelndem Selbstbewußtsein? EntfremdungHilfreich zu Klärung dieser Frage ist Marxs Theorie der Entfremdung. Sie beschreibt, was den Menschen zum Menschen macht und wie Kapitalismus das menschliche Leben in allen Bereichen deformiert. Marx sieht die Arbeit als das Wesen des Menschen. Der Mensch macht seine Lebenstätigkeit selbst zum Gegenstand seines Wollens und seines Bewußtseins. Der Mensch ist Produzent – Produktion als grundlegendste menschliche Tätigkeit – als Fundament der Gesellschaft. In einer kapitalistisch orientierten Gesellschaft kommt es allerdings zur Entfremdung der Arbeit. Aufgrund der Lohnabhängigkeit ist der/die ArbeiterIn gezwungen, seine/ihre Kraft und Fähigkeiten zu verkaufen und daraus erfolgt der Verlust von Kontrolle über die Produktion. Wenige kontrollieren die Produktion vieler, wodurch der lohnarbeitende Mensch den Bezug zu seiner Produktion verliert. Oft erkennt der arbeitende Mensch im Endprodukt seinen Beitrag nicht mehr wirklich – oft kann er sich das von ihm geschaffene Produkt selbst nicht leisten – er baut quasi Villen, in denen er selbst nie wohnen wird. Das führt dazu, dass die Arbeit als Gestaltung der menschlichen Natur – wie sie Marx bezeichnet – dem Menschen entfremdet ist. Im Kapitalismus wird alles zur Ware. Durch den Verlust der Kontrolle aufgrund seiner Abhängigkeit vom Lohn, wird dem Menschen aber auch die Kreativität genommen. Durch die strikten Vorgaben wenige, welche das Kapital (den Lohn) besitzen, bleibt oft kein Platz mehr für Kreativität der Arbeitenden. Man arbeitet ja net zum Spaß heißt es im Volksmund, wodurch ausgedrückt wird wie wenig von er eigenen Persönlichkeit / Kreativität in die Arbeit mehr einfließen kann, bzw. wie wenig auch dies von seiten des Arbeitgebers gewünscht wird. IsolationDurch diese Entfremdung der Arbeit von dem ursprünglichen Ziel als Gestaltung der menschlichen Natur kommt es zu Frustration und zur Flucht in Geborgenheit. Der Mensch versucht nach einem kräfteraubenden Arbeitstag sich in einer Nische zurückzuziehen, um z.B. der Konkurrenz, die er am Arbeitsplatz erfahren hat zu entfliehen. Doch auch das gelingt ihm immer weniger, weil eben die Arbeit, als Fundament der Gesellschaft, auch dort prägend ist. Das einzige was er von seiner Arbeit mitgenommen hat ist der Lohn, den er nur als Konsument einsetzen kann womit er wieder Teil dieser von ihm nicht kontrollierten Produktion wird. Dies führt auch zu Entfremdung in menschlichen Beziehungen. Auch Beziehungen werden zur Ware, Liebe kann man scheinbar kaufen. Der Mensch beginnt sich nicht nur am Arbeitsplatz sondern auch privat als isoliert und nicht als Teil eines lebendigen Kollektivs zu sehen. StellvertretertumDiese Isolation, diese Entfremdung in nahezu allen Bereichen kreiert das Gefühle der Ohnmacht, woraus das Bedürfnis des Stellvertretertums entsteht. Wenn ich schon nicht fähig bin in meiner alltäglichen Situation meine Bedürfnisse umzusetzen, dann probiere ich es erst gar nicht in andern Bereichen, die mir wichtig sind ist oft der Gedanke. Es wird die eigene Macht, die eigene Stimme anderen übertragen, damit diese für einen tätig werden. Man vertraut Organisationen, politischen Partien, AktivistInnen, dass diese die eigenen Interessen wahrnehmen, aber aufgrund der permanenten Entfremdung und Isolation, der man ausgesetzt ist, sieht man sich nicht als Teil dieser Bewegungen. So ist es auch zu verstehen, dass eine breite Akzeptanz der Argument der AntikapitalistInnen in der Öffentlichkeit zu verzeichnen ist, aber nur ein minimaler Teil aktiv wird und den Kampf gegen Kapitalismus mit gestaltet. Nur – Kapitalismus ist auch ein Krisensystem. Obwohl es Isolation und Passivität begünstigt, untergräbt es dies gleichermaßen, da Menschen in Krisenzeiten gezwungen, sind, sich kollektiv zu wehren. Entfremdung kann also durchbrochen werden. Die antikapitalistische Bewegung liefert gute Ansatzpunkte, indem sie mit ihrem Slogan Unsere Welt ist nicht zu verkaufen deren Warencharakter anprangert und Kollektivität spürbar macht. Zu allen Artikeln dieser Ausgabe Weiterführender Artikel:
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