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Soziales | Arbeitskampf | Wirtschaft | Imperialismus | Theorie
September - 2000
Weltweite AusbeutungWir als MarxistInnen behaupten, dass auch wir ausgebeutet werden. Doch kann bei uns überhaupt von Ausbeutung gesprochen werden? Steht Ausbeutung hier nicht zumindest auf einer völlig anderen Ebene als in der 3. Welt? Werden wir hier ausgebeutet? Das System des Kapitalismus basiert auf einer Klassengesellschaft: Einer Minderheit, welche die Produktionsmittel besitzt, und einer Mehrheit, die ihre Arbeitskraft an die Besitzenden verkauft. Das Verhältnis zwischen den beiden Klassen kann nie ein gerechtes sein, da die Herrschenden zueinander in Konkurrenz stehen. Wer den Arbeitern weniger bezahlt, hat mehr übrig für Investitionen, ist also konkurrenzfähiger. Die geleistete Arbeit ist mehr wert als der tatsächlich ausbezahlte Lohn. Die Differenz ist der Mehrwert, die Quelle des Profits. Auch bei besser bezahlter Arbeit gibt es Ausbeutung. Bei uns gibt es z. B. kaum eine Arbeit, für die kein Computer benötigt wird. In der Maschine selbst befindet sich schon sehr viel Produktivität, da die Erfindung und die Entwicklung bis zum heutigen Stand von menschlicher Arbeitskraft geschaffen wurde. Das Produkt einer besser bezahlten Arbeit ist viel mehr wert als der ausbezahlte Lohn; der/die ArbeiterIn ist somit ausgebeutet. Die Ausbeutung hängt nicht vom Lebensstandard, körperlicher Anstrengung oder Lohnhöhe ab. Wer profitiert wirklich?Der/die KapitalistIn interessiert sich nicht für den Lebensstandard, sondern für den Mehrwert. Dieser Mehrwert ist dort höher, wo mit hochentwickelten Maschinen gearbeitet wird. Damit Menschen solche überhaupt bedienen können, ist ein höherer Lebensstandard notwendig, er braucht eine bestimmte Ausbildung, usw. Wer profitiert? Es ist natürlich schon so, dass das Wohlstandseuropa nicht in der Form existieren würde, hätte es die Kolonialzeit nicht gegeben. Die Gründe für die Entwicklung der westlichen Welt liegen in der Ausbeutung der 3. Welt- Länder. Für diese Entwicklung ist jedoch nicht die Mehrheit der Menschen in Europa verantwortlich, nicht die ArbeiterInnenklasse, sondern die Minderheit der Herrschenden. Es ist die Dynamik des Kapitalismus, nach neuen Absatzmärkten zu suchen. Profitiert hat davon die herrschende Klasse Europas; nicht nur materiell, auch ideologisch: Nicht durch Zufall ist die Meinung weit verbreitet, dass wir alle schuld sind oder dass es uns eh noch gut geht. Das führt zu Passivität, die mehr den Bossen nützt als der Bevölkerung der 3. Welt. Wenn wir tatsächlich von der Ausbeutung der 3. Welt profitieren würden, müsste es uns, also der Mehrheit der Menschen in den Industrieländern, eigentlich kontinuierlich besser gehen. Denn die sogenannten Entwicklungsländer entwickeln sich, nicht zuletzt durch die vom IWF vertiefte Verschuldung, zurück. In der Realität ist jedoch das Gegenteil der Fall: Inzwischen leben in der EU 50 Millionen Menschen in Armut, 5 Millionen sind obdachlos. In den USA leiden 30 Millionen Menschen an Unterernährung. Gemeinsame InteressenWenn wir von der Ausbeutung der 3. Welt profitieren würden, stünden wir auf einer Seite mit dem IWF, und bräuchten nicht nach Prag zu fahren. Aber die Maßnahmen gegen die 3. Welt stärken nicht uns, sondern das Kapital. Es sind die gleichen Konzerne, die sowohl die 3. Welt als auch uns ausbeuten. Nur 500 Konzerne produzieren zwei Drittel des Gesamtweltwirtschaftsausstoßes. Zwei Drittel des Welthandels verlaufen innerhalb der Multis. Das bedeutet, dass es ein globales Kapital gibt. Die gleichen Konzerne, die in der 3. Welt die ArbeiterInnen für einen Hungerlohn arbeiten lassen, treiben hier den Sozialabbau voran. Aber genau hier liegt die Perspektive: Es gibt einen gemeinsamen Feind. Wenn z.B. hier bei Shell für höhere Löhne gestreikt wird, ist es für die Bosse viel schwieriger zu argumentieren, wenn sie in Nigeria nicht erhöht werden. Nicht nur das Kapital ist international, auch die ArbeiterInnenklasse. In Prag haben wir die Chance, ein Zeichen zu setzen, dass wir uns nicht gegeneinander ausspielen lassen, sondern gemeinsam gegen den gleichen Feind kämpfen. Denn die Grenzen verlaufen nicht zwischen den Ländern, sondern zwischen den Klassen. Zu allen Artikeln dieser Ausgabe Weiterführende Artikel:
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