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Protest | Staatsgewalt | Geschichte | USA | Homosexualität
August - 2001 Demonstration zur Erinnerung an den Aufstand von 1970 in New York Reform oder RevolutionEs gibt zwei Strategien um das Ende der Unterdrückung von lesbischwulen Menschen zu erreichen. Einerseits die reformistische Herangehensweise, wobei versucht wird durch Aufklärungskampagnen Vorurteile ab zu bauen und mit Reformen im Parlament die Rahmenbedingungen für eine (gesetzliche) Gleichstellung zu schaffen. Der andere, revolutionäre Weg sieht jede Form von Unterdrückung als Erscheinung des kapitalistischen Systems. Um die Diskriminierung von lesbischwulen Menschen aber auch Rassismus und Sexismus zu stoppen, muß das System, das diese Mißstände hervorbringt überwunden werden. Die Geschichte zeigt uns, dass diese zwei Wege die Unterdrückung von Schwulen und Lesben zu beenden unterschiedlich erfolgreich waren. Magnus Hirschfeld und das Wissenschaftlich – Humanitäre Komitee (WHK)In Deutschland stellte die Gründung des WHK durch den schwulen jüdischen Sexualforscher Dr. Magnus Hirschfeld, im Jahr 1897 einen ersten Schritt für den Kampf um Gleichberechtigung dar. Hirschfeld und seine MitstreiterInnen versuchten den 1870 eingeführten §175, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellt zur Aufhebung zu bringen. Das WHK sammelte Unterschriften von Prominenten aus Politik, Justiz Kunst und Wissenschaft. 1901 erreichten sie dank 1000 Unterschriften zwar eine Behandlung im Reichstag, doch nur einige SPD – Abgeordnete unterstützten den Antrag auf Aufhebung des §175. Hirschfeld konnte viele Unterstützer-Innen für seine Forderungen in höheren Positionen gewinnen und auch zahlreiche Selbsthilfegruppen sowie eine schwule Szene inklusive Wochenmagazin Die Freundschaft etablierten sich Anfang des 20. Jhdt. in Deutschland. Die Abschaffung des §175 konnte jedoch nicht verwirklicht werden. Anstatt die Unterstützung der Anfang des Jahrhunderts äußerst gut organisierten ArbeiterInnenklasse zu suchen, gingen führende Schwulenaktivitsten dazu über Prominente und Politiker zu outen. Die deutsche Schwulen / Lesbenbewegung war in dem Glauben, dass die Befreiung der Homosexuellen nur das Werk der Homosexuellen selbst sein kann. Diese Kurzsichtigkeit führte dazu, dass eine gesetzliche Verbesserung durch Reformen nicht durchgesetzt werden konnte. Mit dem Aufstieg der Nazis in den 1930er Jahren wurde das Ende der Schwulenbewegung eingeläutet. Unzählige Vereine und Lokale wurden geschlossen und zahlreiche Aktivist-Innen verhaftet. Nach dem sogenannten Röhm Putsch und der Verschärfung des §175 im Zuge der Nürnberger Rassengesetze 1935, setzte eine gnadenlose Verfolgung ein, die für tauende Schwule und Lesben die Einlieferung in Konzentrationslager bedeutete. Russland 1917: Arbeitermacht und Schwulen- / LesbenbefreiungGanz anders verlief die Entwicklung in Russland. Bis 1917 war Russland ein völlig konservativer, reaktionärer Staat. Antisemitismus war allgegenwärtig, Familie und Religion standen im Mittelpunkt. Auf dem Land standen in jedem Haus religiöse Ikonen, die während des Sex zugedeckt werden mussten. Homosexualität war verboten. Im Februar 1917 gelang es den Zaren und die Aristokratie zu stürzen. Es gab eine Doppelherrschaft, neben der provisorischen Regierung gab es die Arbeiterräte (Sowjets). Die bürgerliche Mittelschicht wollte eine kapitalistische Demokratie, mit dem Vorbild England und Deutschland einführen. Im Oktober kam es jedoch unter der Führung der Bolschewistischen Partei zur erfolgreichen ArbeiterInnenrevolution und eine ArbeiterInnendemokratie wurde installiert. In den Sowjets wurden alle diskriminierenden Gesetze bezüglich Homosexualität aufgehoben. Die Familie wurde durch gemeinschaftliche Lebens-formen abgelöst. Es gab öffentliche Kantinen und Waschsalons. Die Kindererziehung wurde von ErzieherInnen und LehrerInnen übernommen. Erstmals mußten Frauen nicht mehr hinter dem Herd stehen und im Haushalt schuften. Auch der Einfluss der Kirche wurde zurückgedrängt. Die völlige gesetzliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben wurde in Russland bereits Anfang des 20. Jhdts verwirklicht. Doch recht bald kam es zu einem neuerlichen Rückschritt. Es gab eine Invasion von europäischen Armeen und den konter-revolutionären Bürgerkrieg. Die Errungenschaften der Revolution mussten schnell wieder aufgehoben werden. Mit der Machtübernahme Stalins wurde das Ende der fortschrittlichen Schwulen – und Lesbenrechte eingeläutet. Frauen erhielten Medaillen wenn sie eine gewisse Anzahl von Kindern geboren hatten. Mit der Rückkehr der Familie als Idealbild, war auch die Diskriminierung von lesbischwulen Menschen erneut etabliert. Homosexualität wurde von Stalin als faschistische Perversion bezeichnet, Schwule und Lesben in Gefängnisse gesteckt. Die 1950er und 60er JahreNach der Zerschlagung der deutschen Homosexuellenbewegung durch die Nazis und der revolutionären Errungenschaften durch den Stalinismus, folgte in den 50er und 60er Jahren die erbitterte Unterdrückung von Schwulen und Lesben. In den USA verschärfte der kalte Krieg die Anfeindung gegen SozialistInnen und Homosexuelle. Angriffe auf die Rechte der ArbeiterInnen und der Schwulen und Lesben gingen Hand in Hand. In den 60er Jahren veränderte sich die politische Stimmung weltweit. Das Jahr 1968 sah den größten Generalstreik der Geschichte in Frankreich. Hunderttausende Schwarze kämpften in Amerika für ihre Bürgerrechte. 1970 protestierten 4 Millionen amerikanische Studierende gegen den sinnlosen Vietnam Krieg. Diese Kämpfe inspirierten auch die Schwulen- und Lesbenbewegung. 1965 demonstrierten Lesben und Schwule erstmals gegen die Regierung, allerdings in sehr geringer Anzahl. Ein Jahr später war die Phrase Gay Power, in Anlehnung an Black Power der militanten Black Panther Party entstanden. Bei vielen gemeinsamen Aufmärschen wurde Gay is Good – Black is beautiful skandiert, es gab Solidarität zwischen den verschiedenen unterdrückten Gruppierungen. Die Aufbruchstimmung Ende der 60er Jahre führte zu einer Radikalisierung der Schwulen- und LesbenaktivistInnen. Die Stonewall Riots Im Juni 1969 entlud sich diese aufgestaute Frustration und Kampfbereitschaft erstmals in der New Yorker Christopher Street. Das Lokal Stonewall Inn war damals ein beliebter Treffpunkt von Lesben, Schwulen und Transvestiten. Allerdings führte die Polizei ständig Razzien durch und schikanierte die Gäste. Am 27. Juni setzten sich die Lesben und Schwulen erstmals zur Wehr. Es kam zu einer Straßenschlacht mit der Polizei, Autos wurden angezündet, Pflastersteine und Stöckelschuhe als Wurfgeschosse verwendet. Der Aufstand Dauerte zwei Tage bis zum Morgen-grauen des 29. Juni. Die Polizei setzte Spezialeinheiten ein, die sonst nur bei Ausschreitungen in Harlem eingesetzt wurden. Der Aufstand ließ niemanden kalt. Stonewall verlagerte den Kampf für Gleichberechtigung auf die Straße, in die Realität. Der Aufstand symbolisierte die Unterdrückung von Lesben, Schwulen, Transsexuellen durch die Polizei, die Justiz und die Gesellschaft im Allgemeinen, zeigte aber auch die Möglichkeit auf sich zusammen zu schließen, um gegen diese Missstände anzukämpfen. Die Gay Liberation Front Bereits einige Wochen nach den Ausschreitungen in der Christopher Street, haben Lesben und Schwule die Gay Liberation Front (GLF) gegründet. Rasch etablierte sich die GLF quer durch Amerika. Viele Mitglieder waren vorher in anderen Bewegungen organisiert, wie z. B. in der Anti – Kriegsbewegung, oder dem Kampf für Bürgerrechte. Es war klar, dass all diese Bewegungen einen gemeinsamen Feind hatten; eine kleine Minderheit von Leuten, Anfang der 70er durchgehend weiß und männlich, die die amerikanische Gesellschaft kontrollierten. Die GLF argumentierte für eine Revolution, um diese Herrschaft zu beenden und das System zu verändern. Die GLF unterstützte auch andere Gruppen im Kampf gegen den amerikanischen Kapitalismus – Die Vietnamkriegsgegner oder die Black Panther Party. Diese Solidarität wurde auch erwidert. Huey Newton, Anführer der Black Panther meinte, dass Schwarze und Schwule/Lesben ein gemeinsames Interesse haben gegen die Unter-drückung zu kämpfen. Doch recht bald verlor die GLF an Bedeutung. Einerseits weil unklar war wie die angestrebte Revolution aussehen sollte – die Bewegung sah keine Notwendigkeit für kollektive Aktivität, sie argumentierte, dass alle Schwulen und Lesben sich outen sollten um durch ihren Lifestyle in der Gesellschaft präsent zu sein. Auf der anderen Seite kam es rasch zu Abspaltungen, schwarze und asiatische GLF Mitglieder bildeten eigene Gruppen, und die Lesben gingen in die Feministische Frauenbewegung über, um getrennt von der GLF zu kämpfen. Außerdem kam es in den 70ern wieder zu einem Abflauhen der sozialen Kämpfe, was sich auch auf die verschiedenen Bewegungen auswirkte. Die Lehre für HeuteDank dem Einsatz vieler engagierter AktivistInnen konnte erreicht werden, dass das gesetzliche Totalverbot von Homosexualität in vielen Staaten aufgehoben wurde. Zahlreiche Vereine und Organisationen (z.B. Hosi, Lambda) haben seit den 70er Jahren (gesetzliche) Verbesserungen für Lesben und Schwule erreicht. Diese Liberalisierung ging vor allem mit einer Kommerzialisierung der Szene überein. Die Akzeptanz von Lesben und Schwulen, die uns durch Werbung, Soap Operas oder homosexuelle Stars vorgegaukelt wird, hat sich jedoch keineswegs in der gesamten Gesellschaft niedergeschlagen. Vor allem dort wo der Einfluss der Kirche (und damit das antiquierte Familienbild) sehr stark ist, gibt es Diskriminierung und Intoleranz. Darüber kann auch die Szene und Scheintoleranz in den Großstädten nicht hinweg täuschen. Allerdings ist es in den letzten Jahren wieder vermehrt zu sozialen Kämpfen gekommen, z.B. 1995 in Frankreich. Auch die Anti-WTO Proteste in Seattle zeigten, dass verschiedene Gruppen gemeinsam gegen das unterdrückende System kämpfen müssen. Neben den Gewerkschaften und Tier/Umweltschutzorganisationen, waren auch Schwulen- und Lesbenverbände an den Protesten beteiligt. Dieser gemeinsame Kampf muss im Herbst auch in Prag im Mittelpunkt stehen. Durch starke soziale Kämpfe kann sich auch eine revolutionäre Homosexuellenbewegung erneut etablieren. Zu allen Artikeln dieser Ausgabe Weiterführende Artikel:
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