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Rassismus | Imperialismus | Geschichte | Theorie

Mai - 2001    
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1866, Plakat der Gegner des Wahlrechts für ehemalige Sklaven

Rassismus spielte in der politischen Auseinandersetzung der letzten Jahre eine so bedeutende Schlüsselrolle wie sonst kaum ein Thema. In Österreich wird die rassistische Karte in erster Linie von der FPÖ gespielt. Die SPÖ hat auf der Jagd nach Stimmen versucht, mit rassistischer Tagespolitik die verlorenen Stimmen zurückzugewinnen und hat mit ihrer Das-Bootistvoll-Propaganda voll Schiffbruch erlitten.

Nach dem Erdrutschsieg der FPÖ bei den vergangenen Nationalratswahlen kam es in ganz Österreich zu einer massiven Polarisierung und Politisierung, Rassismus trennt also nicht nur InländerInnen von AusländerInnen, sondern spaltet die gesamte Gesellschaft. Linke Politik kann deshalb nur erfolgreich sein, wenn sie versteht, woher Rassismus kommt, wer davon profitiert und wie vor allem der ideologische und realpolitische Einfluss der Rechten auf breite Kreise der Bevölkerung gebrochen werden kann. Vor jeder angemessenen Bekämpfung des Problems Rassismus steht eine sachliche Analyse. Zunächst wollen wir uns dem historischen Aspekt zuwenden. Wann und wie ist Rassismus überhaupt entstanden?

Der historische Ursprung des Rassismus



Wenn wir unter Rassismus die Auffassung verstehen, dass es biologische verschiedenen Menschengruppen (eben Rassen) gibt, deren Mitglieder bestimmte Eigenschaften (z. B. Faulheit oder Fleiß) besitzen, die sie nur schwer oder gar nicht loswerden können und diese Eigenschaften auch noch einer Wertung unterworfen werden, dann handelt es sich um ein sehr modernes Phänomen. Klarerweise gab es auch schon in der Antike Sklaverei und Unterdrückung, dort wurden diese Herrschaftsformen aber keineswegs mit biologischen Unterschieden und Höherwertigkeiten legitimiert. Einzig Aristoteles beharrte auf biologischen Unterschieden, die die politischen Ungleichheiten erklären sollten. Aristoteles konnte sich aber in diesem Punkt keineswegs durchsetzen. Rassismus wie wir ihn heute kennen, wurde während einer Schlüsselphase in der Entwicklung des Kapitalismus zur weltweit herrschenden Produktionsweise.

Im 17. und 18. Jahrhundert erschlossen sich der europäischen Industrie riesige Rohstofflager, die es der kapitalistischen Verwertungslogik folgend auszubeuten galt. Für diese ungeheuren Mengen an abzubauenden Rohstoffen wurden in den Kolonien Amerikas eine riesige Zahl an Arbeitskräften gebraucht, die die strapaziösen Arbeitsbedingungen zu möglichst geringen Kosten verrichten konnten und zwar dauerhaft. Zunächst behalfen sich die Plantagenbesitzer mit europäischen Arbeitskräften, denen sie die Überfahrt in die USA bezahlten, im Gegenzug verpflichteten sich die europäischen ImmigrantInnen dazu 3-5 Jahre lang die Überfahrt durch Arbeit abzuzahlen. Diese europäischen ArbeiterInnen waren aber bewaffnet und ließen sich nicht alle Schikanen gefallen. Außerdem verließen sie im Regelfall die Plantagen nach der ausgehandelten Zeit und der Plantagen (bzw. Minen-) besitzer musste sich nach neuen ArbeiterInnen umsehen. In dieser Zeit der ökonomischen Entwicklung gab es einen starken Bedarf nach sehr vielen Arbeitskräften, die dauerhaft zu möglichst geringen Kosten arbeiteten.

Gleichzeitig breiteten sich damals die Ideen des Liberalismus zur herrschenden Ideologie aus. Der Liberalismus als politische Ideologie des Kapitalismus vertrat Ideen wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Im Feudalismus, der Wirtschaftsform, die dem Kapitalismus voranging, wurden Menschen de facto physisch zur Arbeit gezwungen, sei es Frondienst oder die Pflichtabgabe an den Lehnsherrn. Im Kapitalismus wurde dieser offensichtliche physische Arbeitszwang durch einen verdeckteren ersetzt.

Kapitalismus



Im Kapitalismus waren ArbeitgeberIn und ArbeitnehmerIn formal gleichgestellt. Zur Arbeit konnte hier niemand mehr gezwungen werden. Das war aber auch nicht mehr notwendig, denn die Freiheit, die die Menschen im Kapitalismus gewannen, war die Freiheit zu verhungern. Im Kapitalismus werden wir zwar nicht mehr unter Androhung von Gewalt gezwungen zu arbeiten, tun wir es aber nicht, so bleibt uns aber als Alternative nichts anderes als zu verhungern oder unter sehr schlechten Bedingungen zu leben. Wir wurden zu Lohnsklaven. Wir müssen Rassismus als einen Ausweg aus dem Widerspruch zwischen den immer stärker werdenden Ideen des Liberalismus, der die formale Freiheit und Gleichheit pries, und den faktischen Bedürfnissen der imperialistischen Kolonialökonomie verstehen. Rassismus als Ideologie schaffte den Spagat einerseits die Ideen des Liberalismus nicht zu verletzen, da hier eine Unterklasse der Menschheit konstruiert wurde, für die die sonst üblichen Vorgaben nicht gelten sollten, und andererseits eine Gruppe genauso ausgebeutet werden konnte, wie es den finanziellen Interessen der KapitalistInnen entsprach. Heutzutage gibt es die institutionalisierte Sklaverei wie sie noch im letzten Jahrhundert Gang und Gäbe war nicht mehr, der Rassismus ist aber deshalb keineswegs verschwunden.

Kulturell begründeter Rassismus



Differenziert betrachtet gab es eine Verlagerung des Schwerpunktes weg vom biologisch fundierten Rassismus, hin zum kulturell begründeten Rassismus, dem sogenannten Neo-Rassismus. Die neorassistische Ideologie ersetzt Rasse durch Kultur und stellt sich Kultur als etwas Statisches, Unbewegliches, Unveränderliches vor. Kulturen sollten sich laut neorassistischen TheoretikerInnen nicht vermischen, dies würde nur zu Degeneration und Überfremdung führen. Der ideologische Kern bleibt identisch, die Form ändert sich ein wenig. Für diese Verschiebung sind vor allem zwei Faktoren maßgeblich verantwortlich: Zum einen wurde die Idee, dass es verschiedene Rassen gäbe, wissenschaftlich eindeutig widerlegt. Innerhalb einer Rasse sind die genetischen Unterschiede nämlich sehr viel größer als zwischen Rassen. Zum anderen hat die fundamentale Bedeutung, die das Rasse-Konzept in der menschenverachtenden Ideologie der Nazis den Einsatz dieses Konzeptes politisch und moralisch verunmöglicht. Manche TheoretikerInnen erklären sich die Existenz des Rassismus nach der institutionalisierten Sklaverei so, dass die ökonomische Grundlagen für Rassismus verschwunden sind, Rassismus also einen ideologischen Restbestand aus vergangenen Zeiten darstellt. Rassismus ist dann also in erster Linie ein Problem des falschen Bewussteins und Hauptaufgabe von Anti-RassistInnen die persönliche Einstellung von Weißen/ InländerInnen/usw. zu ändern. Der sozialistische Theoriestrang hingegen geht davon aus, dass es für Rassismus materielle Grundlagen gibt, die ihn immer wieder produzieren. Ohne Beseitigung dieser Grundlagen wird dieser Auffassung zufolge Rassismus nie endgültig überwunden werden.

Wer profitiert?



Bevor wir uns aber diesen vor allem ökonomischen Grundlagen nähern, gilt es zunächst einen Mythos zu dekonstruieren. Noch wird oft die Auffassung vertreten, dass Weiße/InländerInnen/usw. von Diskriminierung profitieren. Tatsache ist aber, dass von Rassismus auch keine InländerInnen profitieren. Empirische Studien haben festgestellt, dass in den US-Regionen mit hohem Rassismus, die weiße Bevölkerung zwar deutlich mehr verdient als die dunkelhäutige. Im Vergleich zu weniger rassistischen Regionen in den USA verdienen die Weißen in den rassistischen Regionen, aber durchschnittlich weniger als ihre weißen KollegInnen dort. Dieses Phänomen ist leicht zu erklären: Rassismus schwächt die ArbeitnehmerInnenvertretung, die dann eine schwächere Position gegenüber den ArbeitgeberInnen hat. Gewerkschaften im rassistischeren US-Süden sind beispielsweise traditionell aufgrund der gegenseitigen Antipathien zwischen dunkelhäutigen und hellhäutigen ArbeitnehmerInnen relativ schwach.

Von Rassismus profitieren in erster Linie die ArbeitgeberInnen. So wird eine Unterkategorie geschaffen (AusländerInnen, Schwarze, usw.), denen weniger Lohn gezahlt werden muss, die auch schlechtere Arbeitbedingungen akzeptieren (z. B. Schichtbetrieb) und die in Lohnverhandlungen gegen die inländischen bzw. weißen ArbeitnehmerInnen ausgespielt werden können (nach dem Motto: AusländerIn X würde die Arbeit für weniger Geld machen, also gib auch Du Dich mit weniger Geld zufrieden.). Außerdem wird die rassistische Karte besonders gerne dann gespielt, wenn damit von innenpolitischen Problemen abgelenkt werden soll.

Sozialistische TheoretikerInnen gehen davon aus, dass Rassismus für KapitalistInnen so vorteilhaft ist, dass sie auf diese Waffe nie verzichten werden. Wenn wir Rassismus überwinden wollen, dann müssen wir ihm die materielle Grundlage entziehen, die ihn immer wieder reproduziert. Menschen sind besonders unter harten wirtschaftlichen Bedingungen anfällig für rassistische Propaganda. Wenn Menschen im Berufsleben ständig Frustration erleben und ein Gefühl der Ohnmacht spüren, dann hat die Rechte mit ihrer Sündenbock-Politik besonders leichtes Spiel. Warum gibt es aber in so reichen Ländern wie USA, Deutschland und Österreich wirtschaftliche Probleme? Es wird hier schließlich schon viel zu viel produziert (siehe Butterberge, Milchseen oder auch die Herodesprämie). Sehr einfach wäre es möglich, alle Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Die Verteilung des Reichtums und der Güter müsste nur gerecht organisiert werden, indem sie sich an den realen Bedürfnissen der Menschen orientiert. ArbeitnehmerInnen, die selbstbewusst für ihre Rechte kämpfen sind einerseits viel weniger labil für rassistische Propaganda und außerdem wird in gesellschaftlichen Kämpfen besonders klar, dass Rassismus für alle ArbeitnehmerInnen negative Folgen hat, da er die ArbeitnehmerInnenschaft schwächt, und Erfolge gegenüber den ArbeitgeberInnen nur mit einer vereinten ArbeitnehmerInnenschaft möglich sind.

Ein Beispiel aus der Geschichte mag diesen Punkt vielleicht ein wenig veranschaulichen. Russland war noch um die Jahrhundertwende eines der antisemitischsten Länder der Welt. Es gab Pogrome gegen Juden, es war ihnen nicht erlaubt in den wichtigsten Städten Petrograd und Moskau zu leben. Mit der Revolution 1917 änderte sich das: der Vorsitzende des Petrograder Sowjets (=Arbeiterrat), Trotzki, war jüdisch; der Vorsitzende des Moskauer Sowjets, Kamenew, ebenfalls; der Vorsitzende der Sowjetrepublik, Swerdlow, war ein Jude; der Kopf der Roten Armee war jüdisch.

Fazit: Die Überwindung von Rassismus und Kapitalismus gehen Hand in Hand.

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