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Rassismus | Krieg | Imperialismus | Irak

Oktober - 2004    
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Die Besatzungsmächte malen das Gespenst des Bürgerkriegs im Irak an die Wand, aber sogenannte ethnische Konflikte haben nie eine große Rolle gespielt, argumentiert Kamil Mahdi. In den Medien ist viel die Rede von der Gefahr eines Bürgerkrieges im Irak, falls die Besatzungstruppen abziehen würden. Wir müssen uns jedoch fragen: Wer spricht von Bürgerkrieg und warum sprechen sie davon? Es gibt politische Konflikte und Klassenkämpfe in der irakischen Gesellschaft. Diese Konflikte entstehen jedoch entlang der Fragen, wie die IrakerInnen sich gegen die Besatzung wehren sollen und welche Formen der Widerstand annehmen soll.

Die in den Medien betonten ethnischen Spannungen basieren voll und ganz auf der Sichtweise der Besatzer – eine Sichtweise, die direkt auf der falsche Idee beruht, dass die irakische Gesellschaft gespalten und am Rande eines Bürgerkrieges steht. Die Besatzer betonen immer und immer wieder, wenn sie den Irak verlassen, wird sich der Irak selbst zerstören. Sie versichern, dass die Besatzung die einzige Garantie gegen den Bürgerkrieg ist. Ihr Handeln verursacht dabei jedoch genau die von ihnen beschriebenen Probleme.

Die, die glauben, dass das Ende der Besatzung zu einem Konfessionskrieg ausarten wird, kennen den Irak nicht. Ja, es wird Konflikte geben, aber keine zwischen zwei religiösen Konfessionen. Diese Art von Konflikten ist das absichtliche Ergebnis ausländischer Interventionen. Es gibt politische Differenzen im Irak. Es gab den Zusammenbruch des Staates und ziviler Einrichtungen, und eine Rückkehr der Gesellschaft zu traditionelleren Gemeinschaften – religiöse und lokale Gemeinschaften, Stämme und Sippen. Aber das bedeutet nicht, dass das Land in einen Bürgerkrieg schlittert – am wenigsten in einen ethnischen oder religiösen Konflikt.

In der Geschichte des Iraks gibt es keine solchen Konflikte. Es gibt einfach keinen Grund, warum das Stärken von traditionelleren Strukturen, von sich selbst aus, in einen Bürgerkrieg führt. Es sind die wohl überlegten Anstrengungen der Besatzer, die zur Gefahr der ethnischen und religiösen Spannungen führen. Die rassistische Auswahl des, von der USA bestimmten, gesetzgebenden Rates, welcher von der Besatzung gefestigt wurde und der derzeitigen Übergangsregierung, ist ein Versuch ein System zu schaffen, das auf rassistischer und religiössektiererischer Politik beruht.

Individuelle Personen mit Verbindungen zu den Besatzern werden einfach als Repräsentanten dieser oder jener Gemeinschaft herangezogen. Der Irak bewegt sich nun von einer Diktatur, die rassistische Politik praktizierte, zu einem besetzten Land, in dem rassistische Strukturen im Parlament zementiert werden. Genau dagegen wehren sich die IrakerInnen. Es gibt Fragen, wie wir mit dem Erbe des alten Regimes umgehen sollen. Saddam praktizierte eine ekelhafte Politik der Diskriminierung gegen Teile der irakischen Gesellschaft – Verunglimpfung der Masse der SchiitInnen und Absprechung nationaler Rechte der Kurden.

Das Regime versuchte die Unterschiede in der irakischen Gesellschaft für ihre Politik auszunutzen, die Masse der einfachen IrakerInnen ist jedoch stolz auf diese Vielfalt. Es gibt viele Eheschließungen und soziale Kontakte zwischen SchiitInnen und SunnitInnen, AraberInnen und KurdInnen, besonders am Land. Die ethnischen Unterschiede sind weder stark noch unvereinbar. Die politischen Hauptthemen im Irak betreffen nicht die Religion oder ethnische Unterschiede, sondern historische und politische Themen, wie soziale Gerechtigkeit, die Frage nach dem Land, der Entwicklung und dem Kampf gegen Imperialismus und für nationale Befreiung. Das sind die wirklichen Themen im Irak.

Diese Fragen schließen alle Bewegungen und all die Menschen ein, die in Kämpfe verwickelt sind. In der Geschichte des Iraks waren diese Fragen niemals ein Hauptanliegen einer oder einer anderen Gemeinschaft. Diese Themen sind gesamtpolitisch und nicht lokal begrenzbar. Es gibt eine Frage, die besonderer Aufmerksamkeit bedarf: das nationale Recht der kurdischen Menschen im Irak. Die Frage ist geografisch definiert – ein großes Stück des Iraks umfasst Kurdistan. Es gibt aber auch hier nicht einen Grund, warum der Wunsch der KurdInnen nach einer eigenen nationalen Identität zu einem Krieg führen wird. Obwohl viele IrakerInnen in multikulturellen Städten leben, wo Spaltungen keine Option sind, erkennen sie die Bestrebung nach kultureller und nationaler Freiheit der KurdInnen an.

Diese Frage kann daher nur durch einen wirklich demokratischen Weg gelöst werden. Es gibt ein starkes Bewusstsein, dass die Besatzung nicht weiter bestehen darf. Es gibt eine wirkliche große Gefahr: Die unterschiedliche Auffassung, wie wir uns gegen die Besatzung wehren können und dass diese Unterschiede von den Besatzungsmächten jeweils gegeneinander ausgespielt werden. So werden die Menschen im Irak gespalten. Wir müssen uns jedoch im Klaren sein: Alle Formen des Widerstands gegen die Besatzung sind legitim und der irakische Widerstand darf sich nicht gegen andere Teile der Bevölkerung, die an andere Formen des Widerstands glauben, richten. Die Besatzung offen zu konfrontieren ist jedoch essentiell.

Kamil Mahdi Iraker und Dozent nahöstlicher Ökonomie an der Universität von Exeter/GB.

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