Kämpft der Islam gegen den Westen?

Jänner/Februar - 2007
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Mit Phrasen wie Kampf der Kulturen, Zivilisation gegen Barbarei und Demokratie gegen Fundamentalismus werden nicht nur Terroranschläge erklärt, sondern auch Kriege, wie der Irakkrieg. Mit Terror kämpft die Barbarei gegen die Zivilisation, im Krieg ist es genau umgekehrt die Zivilisation wird herbeigebombt. Tom D. Allahyari und Martin Maurer erklären warum die wahren Hintergründe nicht kulturelle sondern politische sind.

Nach den verheerenden Terroranschlägen



Anfang Juli in London verlas Großbritanniens Premierminister Tony Blair folgende Erklärung, die von den großen acht Industrienationen (G8) unterzeichnet wurde: »Die Urheber [die Terroristen Anm.] haben keinen Respekt vor menschlichem Leben. Wir sind uns in unserer Entschlossenheit einig, diesem Terrorismus, der kein Angriff auf eine bestimmte Nation ist, sondern auf alle Nationen und auf zivilisierten Menschen überall, zu begegnen und zu besiegen«.

Die Medien und Politiker verbreiteten Erklärungen, die die Terroranschläge in New York (2001), Madrid (2004) und London als Kampf der Barbarei gegen die Zivilisation darstellten. Viel ist die Rede von Kulturen, die nicht zusammenpassen und sich daher feindlich gegenüberstehen. Nachdem das stalinistische Russland und seine Satelliten nicht mehr als Feindbilder herhalten können, um den Zusammenhalt des Westens, absurd hohe Rüstungsausgaben, die Angst vorm Untergang des Abendlandes und imperialistische Offensiven des Westens rechtfertigen zu können, muss nun der Islam bzw. die Barbarei herhalten. Die Ideologie vom Kampf der Kulturen ist längst in alle Medien, in die Reden von PolitikerInnen und in die alltäglichen Diskussionen eingedrungen.

Samuel P. Huntingtons – Der Kampf der Kulturen



Einer der meistzitierten ideologischen Brandsätze, die daran beteiligt sind, ist Samuel P. Huntingtons Buch Der Kampf der Kulturen (Engl. Clash of Civilisations) Huntington – Ein rechter Schreibtischtäter Huntingtons wissenschaftliche Arbeit stand schon immer im Dienst großer Konzerne und rechter Politiker-Innen. Er trat Ende der 60er Jahre erstmals mit Theorien in Erscheinung, die beweisen sollten, dass Demokratie in Entwicklungsländern das Aufholen in der wirtschaftlichen Entwicklung nur störe das passte genau zur damaligen US-Außenpolitik der Unterstützung rechter antikommunistischer Diktaturen. In den 70ern ging es ihm besonders um ein Zu viel an Demokratie in den USA selbst und den Multikulturalismus, die die kulturelle Einheitlichkeit zerstören und die USA schwächen würden. Rassismus zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk.

Huntington im Spiegel Interview: »Wir müssen die Flut der Immigranten eindämmen, weg von der Vorstellung einer multikulturellen Gesellschaft, weg von der Entwestlichung«. Im Kampf der Kulturen heißt es: »Die westliche Kultur wird von Gruppen innerhalb der westlichen Gesellschaft in Frage gestellt. Eine dieser Herausforderungen kommt von Einwanderern aus anderen Kulturkreisen […] . Sie ist auch […] bei Hispanics in den USA anzutreffen«. Finanziert wird Huntingtons Arbeit von diversen rechten SponsorInnengruppen, er selbst ist Direktor des Onlineinstitutes für strategische Studien, einer Stiftung des Online-Chemiekonzerns und Teil eines Netzwerks rechts-intellektueller Think Tanks, die auf der Basis von Konzepten wie Amerikas Schicksal ist weiß und der US-Welthegemonie Theorien produzieren, die sich gut verkaufen lassen.

Kampf der Kulturen



Was wird im Kampf der Kulturen behauptet? Huntington teilt die Menschheit in Zivilisationen auf, z. B. eine Konfuzianische, eine Islamische usw., einzig bei Afrika ist sich Huntington unsicher, ob es in Afrika überhaupt eine Zivilisation gibt. Alle diese Zivilisationen sind religiös definiert. Einzig der Westen steht für die Werte von Individualismus, Demokratie und natürlich freie Marktwirtschaft. Hier werden Menschenrechte und Demokratie als kulturelle Werte des Westens definiert und dadurch den nicht-westlichen Kulturen abgesprochen. Besonders der Islam hätte blutige Grenzen nach innen und außen und stelle daher, gemeinsam mit China, die große Gefahr für den Westen dar. Huntington führt an, dass MuslimInnen überdurchschnittlich oft an kriegerischen Auseinandersetzungen beteiligt sind. Mit Argumenten versucht er zu beweisen, dass der Islam prinzipiell gewalttätiger als andere Kulturen ist. Wenn Huntington von einer muslimischen Kriegslust und Gewaltbereitschaft schreibt, ist das nur noch offener Rassismus. Alleine schon Beispiele wie die Kriege in Tschetschenien oder im Irak zeigen, dass diese Regionen in Wirklichkeit besonders oft imperialistischen Angriffen durch Russland bzw. die USA ausgesetzt waren und sind, für beide Supermächte sind die Kriegsgründe wohl eher das schwarze Gold Erdöl, als kulturelle Unterschiede.

Nebenbei vergisst Huntington auch völlig die blutige Geschichte des christlichen Europa, während er den Islam kritisiert. Doch Huntington schlägt auch Gegenmaßnahmen vor: »Es wird erforderlich sein, dass der Westen die ökonomische und militärische Kraft beibehält, die nötig ist, seine Interessen gegenüber anderen Zivilisationen zu behaupten«. Hier wird klar was die wahre Motivation hinter dem Argument des Kampf der Kulturen ist: militärische Aufrüstung und neoliberale Reformen im Sinne George Bushs zu rechtfertigen. Ein anderes berühmtes Zitat: »Culture is to die for«, das bedeutet, dass, laut Huntington, die Motivation hinter Konflikten nicht etwa im Ökonomischen, im Sozialen oder im Politischen zu suchen ist, sondern in der Kultur, besonders in der Religion. Für die Kultur sterben und töten Menschen. So wird aus dem Irakkrieg eine Auseinandersetzung zwischen der modernen, demokratischen Kultur des Westens und der mittelalterlichen, religiös bestimmten Kultur arabischer Menschen. Nicht der imperialistische Hunger der US-Machthaber nach Rohstoffen und Märkten, nicht geostrategische Interessen, nicht der Kampf der IrakerInnen um Wasser, Nahrung, Jobs und Freiheit führen zum Konflikt, sondern die verschiedenen Kulturen oder Zivilisationen.

Zivilisationen?



Schon zu Zeiten des klassischen europäischen Kolonialismus wurde zwischen zivilisierten und nicht, bzw. weniger zivilisierten Völkern unterschieden. Die Zivilisierung der Wilden (sprich Christianisierung und Sklaverei) wurde zur Aufgabe des weißen Mannes erklärt. Nicht-Europäer, aber auch Frauen und später ArbeiterInnen wurden als eher naturnah und kindlich aufgefasst. Die innere Zivilisierung bedeutete die Unterdrückung der Triebe und des Barbarischen im Menschen, die äußere Zivilisierung bedeutet vor allem die Bildung von zentralisierten Nationalstaaten. Friedlicher wurde die Welt durch die Gewaltmonopole der Staaten jedenfalls nicht, wie Europas blutige Geschichte in der Neuzeit zeigt. Zivilisation ist also kein wertfreier, wissenschaftlicher Ausdruck, sondern sollte selbst höchst kritisch hinterfragt werden. Schon gar nicht können Zivilisationen oder Kulturen die Kräfte sein, die die Geschichte machen, diese Behauptung dient nur dazu, die wahren Machtverhältnisse des Kapitalismus zu verschleiern. Wirklich Sinn machen diese Begriffe nur, wenn man sie als Teil der Mythen versteht, die westliche berlegenheitsansprüche sichern.

Aufklärung als rassistischer Kampfbegriff



Einer der Begriffe, die, nicht nur bei Huntington, sondern auch bei seinen zahlreichen Epigonen, eine entscheidende Rolle spielen, ist der Begriff der Aufklärung. Der Westen verteidigt angeblich die Werte der Aufklärung. Unter Aufklärung versteht man das Denken, das sich im Verlauf bürgerlicher Revolutionen durchsetzen konnte. Gemeint ist damit, dass sich rationales Denken gegen religiöse Ideen durchsetzte und die Macht des Klerus und des Adels gebrochen wurde. Mit der Aufklärung wurden Ideen wie die Gleichheit aller Menschen geboren. Die Emanzipation des Menschen wurde zwar noch nicht erreicht, aber zumindest diskutiert.

Die Aufklärung hatte aber noch ein zweites, hässliches Gesicht: Der biologistische, wissenschaftliche Rassismus löste das religiöse Vorurteil ab. Dieser Rassismus war notwendig, um zu erklären, warum der Kolonialismus und die Sklaverei mit all ihren Grausamkeiten betrieben wurden, während in Europa Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gepredigt wurde. Außereuropäische Menschen wurden zu niedrigeren Rassen erklärt, die der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nicht würdig wären. Statt des Christentums war es nun die Aufklärung, die den Wilden gebracht werden musste, weshalb sie unterdrückt, ausgebeutet und versklavt werden mussten. So war es der Sieg des Rationalismus, der Wissenschaft, der auch die Begriffe von Rassenreinheit und Volkskörper in die Welt setzte. Berühmte Philosophen der Aufklärung wie Hegel und Kant schrieben offen von der Minderwertigkeit der Neger und anderer Gruppen, die an den Errungenschaften eben dieser Aufklärung nicht teilhaben durften. Hier sollte sich der Westen eher kritisch mit seiner Ideengeschichte auseinandersetzen, anstatt sie als Kampfbegriff gegen diejenigen zu verwenden, die die Aufklärung zunächst nur in Form von brutaler Kolonisation erfahren haben und die jetzt unter den Stützen des modernen, aufgeklärten Kapitalismus wie Weltbank, Welthandelsorganisation und US-Armee leiden.

Rechtfertigung



Huntington und Co. verschieben also die Auseinandersetzungen in der heutigen Welt in den Bereich von Kulturen und Zivilisationen, mit dem Ziel, von den wahren Motiven europäischer und besonders US-Amerikanischer Politik abzulenken. Die Geschichte wird in der Tradition von rechts-rechten HistorikerInnen als Kreislauf von Geburt, Aufstieg und Tod von Zivilisationen betrachtet, womit man einen praktischen Angstfaktor vor dem Untergang des Abendlandes benutzen kann. Es wird behauptet, dass der Westen schwach und dekadent geworden ist, daher muss er auf allen Ebenen aufrüsten, um sich zu verteidigen. Die Theorie vom Kampf der Kulturen ist also nicht nur rassistisch, sie dient auch dazu Aufrüstung und Kriege zu rechtfertigen. Dazu wurde früher von minderwertigen Rassen geredet, heute nach den Erfahrungen des Rassenwahns und des Holocaust ist es nicht mehr modern über unterentwickelte Rassen zu sprechen. Deswegen werden unterentwickelte und minderwertige Kulturen erschaffen. Letztendlich wird fast nur der Begriff Rasse gegen Kultur oder Zivilisation ausgetauscht. Das machtvollste Gegenargument zu diesem Wahnsinn ist die Analyse der Geschichte als der Geschichte von Klassenkämpfen, die Erforschung ökonomischer, politischer, ideologischer Motive hinter Kriegen. Denn nicht Kulturen oder Zivilisationen stehen einander in der realen Welt gegenüber, sondern Unterdrückte, Ausgebeutete, Arme auf der einen Seite und Unterdrückende, Ausbeutende und imperialistische KriegshetzerInnen auf der anderen Seite, unabhängig von Religion oder Kultur.

Wir werden nicht solidarisch mit PolitikerInnen, Bossen und GenerälInnen sein, weil wir mit ihnen angeblich zur westlichen Kultur gehören, und wir werden Menschen, die für ihre Rechte und ihre Freiheit kämpfen, nicht unsere Solidarität entziehen, nur weil man uns einzureden versucht, sie gehörten zu einer fremden und rückschrittlichen Kultur.

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