Home Zeitung & Texte Termine Links Über uns
   
Nur Titel
Aktuelle Zeitung Zeitungs-Archiv Broschüren Online-Artikel Marxistische Klassiker Demosprüche

November - 2009    
       


© Mariusz Kubik
<< (1/2) >>
Der jüdische Widerstandskämpfer Marek Edelmann starb am 2. Oktober 2009 im Alter von 86 Jahren in Warschau. Er war der letzte Überlebende der Kommandogruppe, die den Aufstand gegen die Nazis im Warschauer Ghetto 1943 anführte. John Rose schreibt über sein Vermächtnis.

Das Ghetto kämpft: Warschau 1941-43



»Das Ghetto kämpft: Warschau 1941-43« von Marek Edelmann beschreibt die Geschichte des Aufstandes gegen den Nazi-Holocaust in Polen. 1943 waren bereits zwei Drittel der 400.000 im Ghetto eingesperrten jüdischen Männer, Frauen und Kinder in die Todeslager deportiert worden. Der Aufstand, ausgerufen durch die Jüdische Kampforganisation »ZOB«, bestand aus drei politischen Parteien: dem antizionistischen jüdisch-sozialistischen Bund, den sozialistischen Zionisten und den Kommunisten.

Ihr Widerstand war so stark, dass die Nazis Verhandlungsabgesandte schickten, um nicht ganz die Kotrolle zu verlieren. Edelmann schreibt: »Unsere Antwort: Feuer frei! Jedes Haus blieb eine feindliche Festung. Aus jedem Stockwerk, jedem Fenster suchten sich Kugeln ihren Weg in die Helme und Herzen der verhassten Deutschen.« Dieser Kampf endete erst, als die Nazis das Ghetto anzündeten. Edelman war einer der wenigen Glücklichen, die durch die Abwasserkanäle kriechend entfliehen konnten. Das Feuer war die einzige Möglichkeit für die Deutschen, ihre »militärische Ehre« aufrecht zu erhalten. Heinrich Himmler, der oberste militärische Verbrecher der Nazis, ordnete an, das gesamte Ghetto zerstören zu lassen. »Anderenfalls«, sagte er, »werden wir Warschau nie befrieden können und es bleibt ein Herd der Auflösung und Zersetzung.«

In diesem Punkt hatte Himmler Recht. Ein Jahr später führte – inspiriert durch den Aufstand der jüdischen Ghettokämpfer und -kämpferinnen – der jüdische Untergrund einen Aufstand der gesamten Stadt Warschau gegen die Nazi-Besatzung an. Edelmann sprach »von uns selbst hergestellten Handgranaten und einem einzelnen Maschinengewehr, aus dem nur selten geschossen wurde, um Munition zu sparen« und liefert so einen Eindruck mit wie wenig sie sich der deutschen Übermacht entgegenstellten.

Polnische Bevölkerung



Manche Historiker benutzen diese ungenügende Bewaffnung als Argument dafür, dass die polnische Bevölkerung aus ihrem Antisemitismus heraus das Ghetto nicht vernünftig bewaffnet hätte. Edelmann aber verwarf solche Anschuldigungen stets. Er berichtete mir, dass er auch nach 50 Jahren Reflektion seine Meinung über die grundsätzliche Anständigkeit der Polinnen und Polen nicht geändert hatte. Sein humanistischer Judaismus und seine scharfen politischen Überzeugungen, die in den Kämpfen seiner Jugendjahre als Kader des Bundes geformt wurden, verstärkten in ihm den Glauben, dass Rassismus überwunden werden kann, und Solidarität eine enorme Macht hat. Ja, es gab Schwächen in Bezug auf die Solidarität des polnischen Widerstandes im Jahr 1943. Aber diese Schwächen spiegelten die eigenen Schwächen der Widerstandes: zu wenige Waffen und ein schreckliches Gefühl der politischen Isolation, auch durch Stalins Befehl an die Aufständischen, ihre Offensive abzubrechen.

Politische Aktivitäten



Israelische Ideologen und Politiker haben Edelmans Entscheidung auch nach dem Krieg in Polen zu bleiben immer erbittert kritisiert, ebenso wie seine Ignoranz und Kritik Israel gegenüber. Sie betrachteten seine positive Einstellung gegenüber der polnischen Solidarität mit spöttischem Hohn. Antek Zukermann (ZOB-Verbindungsmann zum polnischen Untergrund) stellte sich auf Edelmanns Seite und nannte es eine »Sünde«, die Polinnen und Polen zu verurteilen. So beschrieb er die Basis der Kommunistischen Partei: »Bis sie durch Autoritäten von oben und noch stärker durch Stalin korrumpiert wurden, bewiesen diese Leute außergewöhnliche Integrität gegenüber Personen und der Bewegung.« Die Ghettokämpferinnen und -kämpfer waren grundsätzlich überzeugt davon, dass der Kampf der unter den Nazis leidenden Polen und Polinnen und ihr eigener Kampf, identisch waren. Edelmann blieb sein ganzes Leben lang politisch aktiv. Er unterstützte auch die unabhängige Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc, die in den 1980er Jahren das stalinistische Regime in Polen zu Fall brachte.

Solidarität mit palästinensischem Widerstand



Im Sommer 2002 intervenierte Edelman – noch immer mit viel Kraft ausgestattet – in den israelischen Schauprozess gegen den inhaftierten Führer des palästinensischen Widerstandes Marwan Barghouti. Edelman schrieb der palästinensischen Bewegung einen Solidaritätsbrief, dessen Tonfall die israelische Regierung und die Presse erboste, obwohl er Selbstmordattentäter darin kritisierte. Edelman lehnte den israelischen Anspruch darauf, den Aufstand im Warschauer Ghetto als Zeichen der jüdischen Befreiung zu betrachten, immer ab. Er sagte, dieser Aufstand gehöre jetzt den Palästinensern. Er adressierte seine Solidaritätserklärung »an die palästinensische ZOB«, an die »Kommandeure der palästinensischen Militär-, Paramilitär- und Partisaneneinheiten« und an alle »Soldaten der kämpfenden palästinensischen Einheiten«. Der alte jüdische Anti-Nazi Ghettokämpfer stellte seine ganze moralische Autorität der einzigen Seite zur Verfügung, die er dessen für wert befand.

John Rose

Originalartikel:
www.socialistworker.co.uk/art.php?id=19233


Weiterführende Artikel:
  • Marek Edelman und Abraham Leon
    Marek Edelman war einer der bedeutendsten polnischen und jüdischen Widerstandskämpfer. Er schrieb 1945 die Geschichte des Warschauer Ghettoaufstandes von 1943 nieder, bei dem er als einer der…

  • Ausloten der Abgründe
    Marxismus und der Holocaust Der Holocaust wird aus guten Gründen als der extremste Fall menschlicher Bosheit angesehen. All die verschiedenen Arten der Beherrschung vereinigten sich in…

  • Öl, Imperialismus und Zionismus
    Die Stärkung Israels hilft den Westmächten bei der Aufrechterhaltung des politischen Gleichgewichts im Nahen Osten. Israel muss der Wachhund werden. Es braucht nicht befürchtet zu werden, dass…

  • Yossi Wolfson aus West-Jerusalem: Offener Brief an die deutsche Linke
    Die israelische Regierung reagiert sehr empfindlich auf die internationale öffentliche Meinung. Der Staat Israel ist abhängig von der politischen und wirtschaftlichen Hilfe vieler Staaten, und ich…



Zu allen Artikeln dieser Ausgabe

       




Sende deinen Kommentar zu diesem Artikel an die Redaktion
 
Name (optional)
Email (optional)
Kommentar

Diese Seite ist KEIN Forum: Kommentare werden NICHT automatisch online gestellt. Sie werden an die Redaktion weitergeleitet und gegebenenfalls in der Printausgabe der Zeitung als LeserInnenbrief bzw. online veröffentlicht. Gebt ihr hier Namen und E-Mail Adresse an, werden wir euch in diesem Fall kontaktieren, ob wir euren Namen verwenden dürfen. Ansonsten - wie auch bei Kommentaren ohne Absender - kann der Text anonym veröffentlicht werden












Impressum linkswende@linkswende.org
0650/45 22 473