link
Linkswende Logo
Logo Untertitel
         
Nur Titel
Österreich | Protest | Staatsgewalt

September - 2009    
  eMail
Zorn wegen der Ermordung des 14- jährigen Florian P. in Krems
© Thomas Kronsteiner

Tagelang organisierten dutzenden Jugendlichen im niederösterreichischen Krems Trauerkundgebungen, um den tragischen Tod ihres Freundes Florian zu Gedenken. Der 14-jährige wurde bekanntlich in der Nacht auf den 5. August von einem Polizisten hinterrücks erschossen. Bestürzt über dieses Verbrechen, ließen die jungen Leute es sich nicht nehmen, ihrer Fassungslosigkeit und ihrem Zorn in aller Öffentlichkeit Ausdruck zu verleihen. Und das trotz des weitgehenden medialen Schulterschlusses mit der Exekutive. »Wer alt genug zum Einbrechen ist, ist auch alt genug zum Sterben«, so zum Beispiel der menschenverachtende Grundtenor des Kronenzeitungskolumnisten Michael Jeannée, der in der Diffamierung des jungen Opfers, seiner Familie und seiner Freunde regelrecht aufblühte. Der Erfolg dieser Hetze blieb bedauerlicherweise nicht aus. Die trauernden Jugendlichen mussten sich regelmäßig verachtende Kommentare a la »Gsindl« oder »Selbst schuld« gefallen lassen. Sehr auffällig ist dabei die Tatsache, dass derartig geschmacklose Provokationen fast ausschließlich von älteren Passanten ausgegangen sind. So gab es auf der Demonstration am 9. August sogar einen Übergriff auf einen Aktivisten während seiner Ansprache gegen Polizeigewalt.

Relevanz und Notwendigkeit sind der kleinen Kremser Demo in keiner Weise abzusprechen. Nicht zuletzt, weil die Jugendlichen selbst das Megaphon an sich rissen und die Leitung übernahmen. Eine spontane Ansprache folgte der anderen. Weder die Tränen in ihren Augen, noch ihre stockenden Stimmen konnten diese Kids daran hindern, das auszusprechen, was in Krems scheinbar niemand hören will.

»Lerchenfeld ist kein Ghetto – wir sind wie alle anderen«, ertönte es immer wieder aus dem Megaphon. Damit richtete sich der Protest vor allem gegen die Stigmatisierung der Siedlung Lerchenfeld, d.h. auch gegen die Arroganz der restlichen (zumeist besser situierten) Bevölkerung, die auf diese jungen Leute oftmals nur herabsieht oder sie bestenfalls ignoriert, wie etwa ihre Forderung nach einem Jugendzentrum. Davon abgesehen haben den diversen Darstellungen zufolge viele Jugendliche selbst schon ausreichend Erfahrungen mit Schikanen seitens der Polizei gemacht. Sie erzählen, dass es sogar gelegentlich vorkommt, dass fürs einfache »Herumlungern« am Straßenrand Geldstrafen von ihnen verlangt werden. Von diesen alltäglichen Geschichten lesen und hören wir nichts. Stattdessen werden wir stets auf die unerträglichen Arbeitsbedingungen von Polizisten hingewiesen. Als ließe sich dadurch die Tötung eines Kindes rechtfertigen.

Die mediale Berichterstattung nahm teilweise recht paranoide Züge an, was sicherlich auf eine Furcht vor Ausschreitungen wie etwa in Frankreich oder Griechenland zurückzuführen ist. Dennoch wirkt es ein wenig grotesk, wenn beispielsweise im Gratisblatt »Heute« gleich von einer »Provokation« die Rede ist, weil Fußballfans von Rapid Wien mit einem »Polizisten sind Mörder« – Transparent zum Auswärtsspiel in Ried auftauchten.

Die tödlichen Schüsse von Krems stellen nur einen weiteren traurigen Höhepunkt von Polizeigewalt in Österreich dar. Angefangen von Afrikanern, die gefoltert oder schlicht und einfach verprügelt werden, bis hin zu Rumänen, die man zu Tode hetzt, ist man hierzulande schon soweit 14-jährige zu erschießen und dabei noch die öffentliche bzw. veröffentlichte Meinung auf seiner Seite zu haben. Dieser Entwicklung muss man etwas entgegensetzen. Wir dürfen es nicht zulassen, dass aus den Opfern Täter und aus den eigentlichen Tätern Opfer gemacht werden.

von Tayma M. Ali

Zu allen Artikeln dieser Ausgabe


  eMail

Weiterführende Artikel: