Frau sein im Holocaust |
Mai - 2009 |
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Es sind die persönlichen Ereignisse und individuellen Details, die einem die Geschichte der Opfer des Holocausts so unter die Haut gehen lässt. Die Multimedia Ausstellung »Lichtflecke – Frau sein im Holocaust« hat einen speziellen Zugang, der die weiblichen Aspekte in das Blickfeld der Besucherin wie auch des Besucher rückt und so einen wesentlichen Beitrag leistet, nicht zu vergessen. Unter den unzähligen und durchaus verschiedenen Opfern und Widerstandskämpfern des Nationalsozialismus sollen die Stimmen der Frauen in der Ausstellung »Lichtflecke – Frau sein im Holocaust« besonderes Gehör bekommen. Yehudit Inbar, Kuratorin der Ausstellung und Hauptkuratorin bei Yad Vashem, einer der beiden größten Gedenk-Organisationen: »Frauen stellten, als Träger der Fruchtbarkeit, einen Schwerpunkt innerhalb der Verfolgungspolitik dar. […] Ziel unserer Ausstellung ist nicht zu wiederholen, was die Nazis und ihre Mittäter Frauen antaten, außer in dem zum Verständnis notwendigen minimalen Umfang. Stattdessen setzen wir den Fokus auf die Reaktionen der jüdischen Frauen auf die Lebenssituation im Holocaust.« Die unterschiedlichen Umstände, mit den Frauen zu kämpfen hatten, erzählen sie in der Ausstellung selbst: Ihre persönlichen Geschichten sind in ihren Tagebüchern, Briefen oder Gedichten niedergeschrieben oder wurden von Überlebenden erzählt. Mittels Projektoren wird Text- und Bildmaterial auf Leinwände projiziert. So beispielsweise auch ein Auszug aus »Ich muss es erzählen« von Masha Rolnik: Sie ruft das Schicksal der Sängerin Ljuba Lewicka in Erinnerung, die erschossen wurde: »Sie musste sterben, weil sie versucht hatte, anderthalb Kilo Erbsen ins Ghetto zu schmuggeln. Man sagte, dass Ljuba im Gefängnis sang. Als man sie durch die Straßen führte, schlugen die Wachposten auf sie ein, sie sollte aufhören zu singen. Jemand protestierte: Keine Macht kann eine Stimme zum Schweigen bringen, die sich plötzlich erhebt und an Stärke gewinnt.« Allerdings stehen bei der Ausstellung nicht ausschließlich Leid und Last der Frauen im Zentrum, sondern der Erfindungsreichtum und die Willensstärke: Auch die Geschichte von Rosa und Maryla Szperling ist – leider – nur eine von vielen: In Plaszów fanden sie einen beinahe vollständig aufgebrauchten Lippenstift, aus dem sie Reste der Farbe heraus kratzten und auf ein kleines Stück Zellstoffpapier schmierten. Bei jeder Selektion trugen sie ein wenig auf ihre Wangen auf, damit »sie nicht auf den Gedanken kämen, wir hätten Fieber.«, wie Maryla 2005 berichtete. Die Kraft der Frauen, die probierten, in der schrecklichsten Situation eine gewisse Normalität aufrecht zu erhalten und dies (begrenzt) erreichten, ist bemerkenswert und erhält in der Ausstellung ausreichendes Gewicht: Erwähnt sei hier unter anderem das Sammeln von Kochrezepten oder das Nähen eines BHs aus mühsam zusammengesuchten und -getauschten Einzelteilen im Konzentrationslager Stutthof. »Ich trug den BH fast sieben Monate bis zur Befreiung am 23. Januar 1945. Ich war die einzige Frau unter Tausenden, die so ein Kleidungsstück besaß.«, berichtet Lina Beresin 1968. Margot Fink, 1925 in Köln geboren, fertigte sich im Lager Reichenbach aus Drahtresten einen Kamm an. Die vielfältigen Wege mit der unsäglichen Lage zurechtzukommen und die unterschiedlichen Reaktionen machen die Ausstellung so abwechslungsreich und wertvoll. Fanny Solomian kehrte, als der Krieg ausbrach, aus Schweden zurück in ihre Heimatstadt Pinsk. Dort wurde ihr angeboten, Mitglied des Judenrates zu werden. Fanny lehnte ab und wurde Verbindungsfrau der ersten Partisanenzellen. Als das Ghetto aufgelöst und alle seine Einwohner ermordet wurden, war sie eine der wenigen, denen es gelang in die Wälder zu fliehen und sich den Partisanen anzuschließen. Die Fotografin Julia Pirotte war aktives Mitglied in jüdischen und französischen Widerstandsgruppen. Sie schmuggelte 1943 eine Fotoreportage mit dem Titel »Frankreich unter der Besatzung« in die USA, wo ein Teil der Fotos in der Presse veröffentlicht wurde. Später dokumentierte sie die Befreiung, die zerstörte Stadt Warschau und das Pogrom in Kielce am 4. Juli 1946 mit seinen Folgen. Ferner hielt Faigel Lazebnik das Partisanenleben auf Hunderten von Fotos fest, als ihr während eines Partisanenangriffs die Flucht gelang und sie sich der Molotava Brigade, einer Partisanenbewegung, anschloss. Wie Yehudit Inbar feststellt: »Sie verwendeten ihren Verstand an Orten, die sie um den Verstand brachten. In Momenten, in denen sie keine Kraft hatten, brachten sie Kraft auf. […] Es sind die Stimmen dieser Frauen, die wir zu Wort kommen lassen und deren Geschichten wir erzählen möchten.« von Judith Litschauer. |
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