link
Linkswende Logo
Logo Untertitel
         
Nur Titel
Arbeitskampf | Rassismus | Literatur | Frauenrechte

Juni - 2009    
  eMail

Wenn H.C. Strache über Migrantinnen und Migranten spricht, dann sind sie Kriminelle. Wenn manche Linksliberale über sie sprechen, sind sie Opfer, oder bestenfalls kulturell bereichernd. Über sich selbst sprechen, das dürfen sie so gut wie nie. Und schon gar nichts erfahren wir darüber, was migrantische Organisationen einer FPÖ, einem unfairen Arbeitsverhältnis oder einem brutalen Fremdenrecht an Widerstand entgegenzusetzen haben.

Über diese vergessenen Kämpfe von Zugewanderten hat nun Manuela Bojadžijev ein beeindruckendes Buch geschrieben. In akribischer Arbeit hat sie die Geschichte der Arbeitsmigration nach Deutschland bis in die 1970er Jahre nachgezeichnet und Überraschendes entdeckt: Von wilden Streiks bis zu alltäglichen Sabotageaktionen in den großen Fabriken, von Mietstreiks bis zu Legalisierungs- und Kindergeldkampagnen in den umliegenden Wohnheimen reichten die Aktionen der »migrantischen Massenarbeiter«.

Die oft nationalistisch orientierten Gewerkschaften versagten zu dieser Zeit meist darin, für die Interessen ausländischer Arbeiterinnen und Arbeiter einzutreten, legten ihnen sogar Steine in den Weg. In dieser Situation kämpften die Migranten und Migrantinnen oft selbst organisiert. Bojadžijev betont besonders nachdrücklich, dass man in einer rassistisch geprägten Gesellschaft nicht einfach so erwarten darf, dass sich In- und Ausländer solidarisieren. Man muss die rassistischen Spaltungen thematisieren, wenn ein gemeinsamer Kampf das Ziel ist. So schwierig es somit war, die »Einheit der Arbeiterklasse« herzustellen, so beeindruckend waren die Aktionen, wenn es gelang.

Ein Beispiel hierfür ist der Frauenstreik in der Firma Pierburg: Benachteiligte Migrantinnen streikten 1970 gegen schlechte Wohnverhältnisse und für die Abschaffung der niedrigsten Lohngruppe. Sie waren erfolgreich und kümmerten sich fortan darum, gegen Rassismus im Betrieb vorzugehen. Bei ihrem nächsten Streik 1972 war die Liste der Forderungen länger, gleiche Bezahlung von Frauen und Männern das Ziel. Durch unermüdliches Vernetzen und Argumentieren zogen sie ihre deutschen Kolleginnen und Kollegen trotz schlechter Presse und Polizeigewalt auf ihre Seite, die von da an gegen Abschiebung und für gleichen Lohn für alle streikten. »Das ist der schönste Tag meines Lebens. Heute halten wir alle zusammen, das habe ich noch nie erlebt. Pierburg kann uns nicht schaffen!«, wird ein älterer deutscher Arbeiter zitiert.

»Die windige Internationale« ist voll solcher schönen Erzählungen darüber, wie Frauen sich gegen rassistische und sexistische Gesetze wehren, darüber, wie ganze Fabriken lahm liegen, weil migrantische Streiks Solidarisierung erfahren.

Das Buch steht aber auch ganz klar für eine umstrittene Theorie. Bojadžijev geht von der These einer »Autonomie der Migration« aus. Dies bedeutet zunächst, dass Migrantinnen und Migranten keine Objekte sind, sondern Menschen, die selbst bestimmt handeln können, und dass staatliche Kontrollpolitik oft nur auf deren (Arbeits-)Kämpfe reagiert. Diese Betonung ist notwendig und hebt die antirassistische und migrationstheoretische Arbeit auf ein neues Level.

Andere Annahmen der Autonomiethese sind problematischer: Zum Beispiel, dass Migrantinnen und Migranten sich tatsächlich »autonom«, d.h. weitgehend ungeachtet sozialer Zusammenhänge, bewegen. Oder, dass ihre Kämpfe am besten für immer »autonom«, d.h. unabhängig von z.B. Gewerkschaften, bleiben sollen. Hier hat die Autorin, die Teil der Gruppe »Kanak Attack« ist, politisch sehr wenig Konkretes anzubieten. Der sehr umfassende theoretische Teil ist zudem recht schwierig zu lesen. Warum wir das Buch dennoch empfehlen? Der Mittelteil, der die historischen Kämpfe und Erfolge der Bewegung beschreibt, ist eine Freude für antirassistische Leserinnen und Leser. Die Theorie der »Autonomie der Migration« liefert, bei all ihren Schwächen, einige interessante Denkanstöße für die Betrachtung von Migration und Rassismus. Der Perspektivenwechsel hin zu den Kämpfen und ihren Subjekten selbst ist wichtig, und »Die windige Internationale« vollzieht ihn konsequent – Übertreibungen inklusive.

von Hannah Krumschnabel

Manuela Bojadžijev
Westfälisches Dampfboot, broschiert, 310 Seiten

Zu allen Artikeln dieser Ausgabe


  eMail

Weiterführender Artikel: