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Österreich | Soziales | Wirtschaft | Wirtschaftskrise
November - 2008 Haben Banken Liquiditätsprobleme, springt der Staat ein und borgt ihnen Milliardenbeträge, die sie innerhalb der nächsten Jahre gar nicht zurückzahlen sollen. Manfred Ecker fragt, was mit den Kunden der Banken, den kleinen Kreditnehmern passiert. Untere EinkommensschichtDer typische Klient der Schuldnerberatung kommt aus den unteren Einkommensschichten, verdient also bis ca. 1500 Euro netto. Er oder sie hat einen Schuldenberg von ungefähr 45.000 Euro. Als Kreditsumme wurden meist um die 10.000 Euro aufgenommen oder rund ein Viertel des aktuellen Schuldenberges. Meist handelt es sich um Menschen, die zur Reparatur ihrer Heizung oder ihres Autos oder der Renovierung ihrer Wohnung einen relativ niedrigen Kredit aufgenommen haben. Ein Fallbeispiel aus dem Buch ‚Tatort Banken’ von Alexander A Maly: Herr B. ist Lastwagenfahrer. Er hat nach Arbeitslosigkeit wieder eine Stelle angetreten. Sein Lohn wird gepfändet, weil er während der Arbeitslosigkeit mit der Rückzahlung eines Kredits bei der Entrium Direktbank in Verzug geraten ist – der offene Betrag waren 44.714 Euro. Nach 18 Monaten Pfändung sind 11.238 Euro an Zahlungen vom Lohn gepfändet worden. Um so hohe Zahlungen zu ermöglichen hat Herr B. extra Überstunden gemacht. Der Arbeitgeber erkundigt sich nach diesen 18 Monaten, wie lange die Pfändung noch durchgeführt werde und erhielt von der zuständigen Anwaltskanzlei eine überraschende Antwort: die Forderung ist in den 18 Monaten um 4.000 Euro höher geworden. ZahlungsunfähigkeitAlso: obwohl in eineinhalb Jahren rund ein Viertel der Schulden bezahlt wurde, ist der Schuldenstand um circa 10 Prozent gewachsen. Die österreichische Gesetzgebung macht es möglich. Obwohl Herr B. seine Zahlungen leistet und mittels Überstunden auch deutlich macht, dass er willens ist, seine Schulden abzutragen, behandelt ihn das Gesetz wie einen Verbrecher. »Das Gesetz macht in Österreich keinen Unterschied zwischen Zahlungsunfähigkeit und Zahlungsunwilligkeit. Wenn Sie einmal mit der Rückzahlung in Verzug geraten, weil Sie einen Unfall hatten, und deshalb auf der Intensivstation liegen, dann werden Sie trotzdem dafür bestraft«, erzählt Herr Maly von der Schuldnerberatung im Interview. »Wenn Sie Ihre Kreditzinsen einmal schuldig bleiben, dann gelten Sie automatisch als zahlungsunwillig und geraten in die Exekutionsmaschinerie hinein, und die bedeutet, dass Ihnen mit Strafmaßnahmen begegnet wird, die es in sich haben.« Zuerst wird der Kredit fällig gestellt, also die Rückzahlung des Kredits wird gefordert. Da das kaum jemals möglich ist, können ab diesem Zeitpunkt von der Bank Verzugszinsen verlangt werden. Diese sind in der Regel um 5 Prozent höher als die ursprünglichen Kreditzinsen. Man zahlt ab jetzt zum Beispiel 13 Prozent statt 8 Prozent. Dann kommen Kosten für Anwälte und Bearbeitungsgebühr dazu. Schließlich wird oftmals umgeschuldet auf einen neuen Kredit, der wieder neue Bearbeitungsgebühren kostet, usw. Sehr bald kann man dann eine Rate des neuen, sehr viel höheren Kredits nicht zurückzahlen, der Kredit wird fällig gestellt und man zahlt wieder Verzugszinsen. Das Absurde daran ist, die Kreditsumme verringert sich nie mehr. Man bezahlt Zinsen und Verzugszinsen, Bearbeitungs- und Anwaltsgebühren, aber die Schulden verringern sich nicht, und das in der Regel solange man lebt. Für die Kreditgeber ist das ein Riesengeschäft. Sie haben sich in Österreich einen äußerst lukrativen ‚Subprime Markt’ geschaffen – als ‚subprime’ bezeichnet man Kunden, die aller Wahrscheinlichkeit Probleme damit haben werden, die Kredite zurückzubezahlen, die ihnen heute von Banken angeboten werden. Pfändung von EinkommenEinzigartig österreichisch ist dabei die Möglichkeit, das Einkommen der Schuldner zu pfänden. In den meisten Ländern der Welt ist das unmöglich. Manche Länder, die dem österreichischen Beispiel gefolgt sind, machen den Zugriff auf die Einkommen wenigstens schwer, da sonst die Versuchung steigt, mit der ausweglosen Verschuldung seiner Bankkunden ein Geschäft zu machen. Österreich hat einen anderen Weg beschritten, den man als Sammlung an Gefälligkeiten für Gläubiger bezeichnen könnte. Der Zugang zum Konto des Kunden wurde ab 1980 erleichtert und die Exekutionsordnung verschärft. Damit ist Österreich zur Schuldenfalle Europas geworden. In der nächsten Ausgabe berichten wir über abenteuerliche Finanzkonstrukte wie Fremdwährungskredite und wie sie Kreditnehmer ins Verderben stürzen. Zu allen Artikeln dieser Ausgabe Weiterführender Artikel:
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