Die Geburt der Dritten Welt: |
Oktober - 2008 |
Unnatürliche NaturkatastrophenWarum entwickelt sich die Dritte Welt so langsam? Die Medien und die Unterhaltungsindustrie schieben die Schuld auf korrupte afrikanische Diktatoren und blutige Stammeskriege. KolonialismusDie Wahrheit sieht anders aus. Der US-amerikanische Soziologe Mike Davis zeigt in seinem Buch »Die Geburt der DrittenWelt«, dass die Dritte Welt durch eine tödliche Kombination aus Naturkatastrophen und dem westlichen Kolonialismus gegen Ende des 19.Jahrhunderts entstanden ist – oder besser erschaffen wurden; Naturkatastrophen, die oft als unvermeidliche Naturereignisse dargestellt werden. Und auch wenn dies meist für ihre Ursache zutrifft, so sind die Folgen der Katastrophen vom Menschen beeinflussbar. In Irland, Afrika und Indien verhungerten Millionen Menschen. Gleichzeitig wurden Nahrungsmittel in großen Mengen an die Kolonialmächte, allen voran England, exportiert, um den Reichtum der Kolonialisten weiter zu steigern. Die Briten verteidigten den Kolonialismus damit, dass sie den Kolonien Fortschritt und verbesserte Infrastruktur wie Eisenbahnlinien, Straßen und ein Telefonnetz brachten. Während des »Fortschritts« zwischen 1875 und 1900 wütete eine bittere Hungersnot in Indien, so dass die Lebenserwartung der durchschnittlichen Bevölkerung um 20 Prozent sank. Die Briten pressten Indien wie eine Zitrone aus und Lord Lytton, der oberste Befehlshaber in Indien, wies jede Forderung, den Verhungernden zu helfen, als »humanitäre Hysterie« ab. Dürre in IndienAls die Dürre Indien in den 1870er Jahren erreichte, transportierten die britischen Geschäftsleute Getreide von den am stärksten betroffenen Regionen zu den zentralen Getreidedepots. Die Region um Madras war besonders betroffen, 100.000 Menschen flüchteten aus der Region um etwas zu Essen zu finden, während Polizisten riesige Berge von Reis bewachten, die für diejenigen bestimmt waren, die noch etwas zu Essen hatten und reich waren. Dem britischen Kolonialismus war es wichtig, die Preise für Getreide und Lebensmittel hoch zu halten um höhere Profite zu erzielen. Dafür gingen sie über die Leichen von Millionen Inderinnen und Indern. Was in Indien passierte, passierte ähnlich auch in China, Afrika, oder Brasilien. »Millionen Menschen starben nicht außerhalb des ‘modernen Weltsystems’, sondern im Prozess der zwanghaften Eingliederung in jene ökonomischen und politischen Strukturen des Kapitalismus«, schreibt Mike Davis. Wer Mike Davis’ Argumenten folgen will, braucht allerdings ein starkes Nervenkostüm, denn stellenweise ist das menschliche Gehirn damit überfordert, den unglaublichen Schrecken und die Zahlendimensionen zu verstehen. HeuteAuch heute noch sterben Millionen Menschen an – am menschlichen Fortschritt gemessen – »unnatürlichen« Naturkatastrophen. Während im armen, schwarzen New Orleans hunderte Menschen an den Folgen des Hurrikans Katrina sterben und ein Tsunami in Südostasien hunderttausende Menschenleben fordert, sind die reichen Niederlande durch ein kilometerlanges Hightech-System vor Überflutungen geschützt. Und während heute Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner akut vom Hungertod bedroht sind, wird in Europa Weizen verbrannt, um Treibstoff zu erzeugen. Angesichts dieser Tatsachen ist Mike Davis’ Analyse über die Folgen des Imperialismus und der Naturkatastrophen im ausgehenden 19. Jahrhundert aktueller denn je. Mike Davis: Die Geburt der Dritten Welt: Hungerkatastrophen und Massenvernichtung im imperialistischen Zeitalter 2004, gebunden, 464 Seiten Verlag: Assoziation A buch.archinform.net/isbn/3-935936-11-7.htm |
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